Babyklappe im Krankenhaus Waldfriede (Quelle: imago/Kathrin Mordani)
Bild: imago/Kathrin Mordani

Im Interview | Seelsorger Dr. Gerhard Menn - Beratung bei ungewollter Schwangerschaft

Welche Hilfen gibt es für Frauen mit einer ungewollten Schwangerschaft? Welcher Weg ist der Richtige: der Gang zur Babyklappe, eine anonyme Geburt oder eine vertrauliche Geburt? Und welche Konsequenzen sind damit verbunden? Im Interview dazu: Seelsorger Dr. Gerhard Menn.

Dr. Gerhard Menn ist Pastor und Seelsorger im Krankenhaus Waldfriede, Berlin-Zehlendorf. Außerdem ist er der Leiter der Ethikkommission und unter anderem verantwortlich für das Thema Babywiege.

Dr. Menn, im Krankenhaus Waldfrieden gibt es eine sogenannte Babywiege - die erste Babyklappe Berlins. Wie kann die Babywiege hochschwangeren Frauen, die sich in einer Notsituation befinden, helfen?

Die Babyklappe im Krankenhaus Waldfriede gibt es seit dem 11. September 2000. Sie soll schwangeren Frauen, die sich in einer ausweglosen Situation befinden, die Möglichkeit geben, ihr Neugeborenes anonym abzugeben und ihm so eine Chance zum Leben zu geben. Das Kind hat so die Möglichkeit, in einer Familie aufzuwachsen, die es liebt. Wohingegen es ja während der neunmonatigen Schwangerschaft erleben musste, abgelehnt oder nicht erwünscht zu sein. Auf diesem Weg bieten wir den Kindern eine Zukunft an. Und nehmen den Frauen den Druck der Ausweglosigkeit.

Seit wann gibt es anonyme Geburten und was steckt dahinter?

Anonyme Geburten gibt es solange es Menschen gibt. Im Mittelalter gab es Drehkästen vor Klöstern, in denen Frauen ihre Babys abgeben konnten. Eine anonyme Geburt sagt nichts anderes aus, als dass eine Frau ihre Identität nicht preisgibt und ihr geborenes Kind in die Obhut anderer Menschen gibt, die ihm eine Zukunft sichern sollen.

Aus ethischen Gründen sollte jedes Krankenhaus verpflichtet sein, einer Frau, die in Geburtswehen liegt, zu helfen. Die Geburtshilfe ist dann aber auch mit Kosten verbunden. Denn bei einer anonymen Geburt gibt es keine Krankenkassenkarte, die eingelesen wird, in dem Fall muss das Krankenhaus die Kosten übernehmen.

Gibt es gesetzliche Konsequenzen, die nach einer anonymen Geburt in Kraft treten?

Wenn eine Frau anonym entbunden und nach der Geburt das Krankenhaus verlassen hat, ist das Krankenhaus verpflichtet, das Jugendamt zu verständigen. Es muss umgehend eine Anzeige bei der Polizei gestellt werden, weil eine Personenstandsfälschung stattgefunden hat. Das Jugendamt verständigt das Vormundschaftsgericht, damit ein Vormund bestellt wird, was normalerweise auch das Jugendamt ist. Gleichzeitig wird die Staatsanwaltschaft über die Personenstandsfälschung informiert und müsste die Frau dann suchen lassen.

Wenn Frauen ihr Kind in der Babywiege abgeben oder anonym entbinden, ist das ein Gesetzesverstoß, der mit bis zu zwei Jahren Haft oder einer Geldstrafe geahndet wird.

Der Punkt ist der, die Frauen werden dadurch kriminalisiert. Der Gesetzgeber könnte aber Frauen und Kinder schützen, wenn die Frauen durch eine Gesetzesänderung entkriminalisiert und anonyme Geburten geduldet würden.

3. Seit dem 1. Mai 2014 gibt es das Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt. Was genau steckt hinter dem Begriff "vertrauliche Geburt"?

Die vertrauliche Geburt ist letztendlich ins Leben gerufen worden, um Babyklappen und auch anonyme Geburten überflüssig zu machen. Ich sehe es so, dass es eine Möglichkeit von vielen ist.  

Die vertrauliche Geburt umfasst folgendes Prozedere: Eine Frau ist schwanger, weiß sich in dieser Situation nicht zu helfen und geht zu einer Beratungsstelle. Dort wird sie beraten und über verschiedene Möglichkeiten aufgeklärt. Wenn sie sich für die vertrauliche Geburt entscheidet, bekommt sie ein Pseudonym. Mit diesem Pseudonym geht sie, mit dem Einsetzen der Wehen, in ein Krankenhaus, um zu entbinden. Dadurch wird die Geburt finanziert. Sie muss bei der Beratungsstelle eine Kopie ihres Personalausweises hinterlegen, diese wird an das Bundesverwaltungsamt in Köln geschickt und dort verwahrt. Mit 16 Jahren hat das Kind dann die Möglichkeit, die Personalien der Mutter zu erfragen und sie zu suchen.

Doch darin liegt das Problem, das ist das, was die Frauen gar nicht wollen. Sie wollen unerkannt bleiben. Bei dieser Prozedur steht immer im Raum, dass ein Jugendlicher plötzlich vor der Tür steht und sagt: "Hallo Mama, hier bin ich. Erzähl mir, was hast Du mit mir gemacht", und das wollen sie nicht. Auch durch den bürokratischen Aufwand, werden die Frauen oft abgeschreckt. Denn die Frauen wollen einen einfachen Weg haben.

Durch das Gesetz wird aber gewährleistet, dass die Krankenkassen die Geburtskosten übernehmen.

Durch das Gesetz ist lediglich die Durchführung der Geburt gesichert. Die Frauen werden nicht während der Schwangerschaft untersucht, Vorsorgeuntersuchungen fallen weg. Es ist auch nicht geklärt, was passiert, wenn eine Frau ihr Kind zurück haben will.

Generell gilt, wenn eine Frau ihr Kind zur Adoption freigegeben hat, kann sie innerhalb der ersten zwei Monate diese Entscheidung rückgängig machen. Dies gilt auch bei der vertraulichen Geburt, doch in diesem Fall muss die Mutter die Kosten der Geburt zurückzahlen. Was die Krankenkasse rückwirkend zahlt, ist nicht festgelegt.

Was raten Sie Schwangeren, die sich in Ihrer Notsituation an Sie wenden?

Für uns ist es wichtig, dass wir umfassend beraten auch dahingehend, dass es die vertrauliche Geburt gibt. Doch wir präferieren die halboffene Adoption. Wir arbeiten eng mit der Adoptionsstelle der Caritas und Diakonie zusammen und haben in diesem Zusammenhang schon sehr viele Kinder in Familien vermittelt, die sich auf ein Kind gefreut hatten. Unser System beinhaltet auch, dass wir während der Schwangerschaft die Frau psychisch betreuen und Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen bis hin zur Erstellung eines Mutterpasses ermöglichen. Wenn die Frauen sich auf die halboffene Adoption einlassen, haben sie die Möglichkeit, den Kontakt mit dem Kind zu pflegen. Das ganze geschieht anonym an einem neutralen Ort. Dort können die Frauen sich erklären: Warum und weshalb haben sie das Kind zur Adoption freigegeben? Bei diesen Besuchen werden auch schon einmal Bilder und Geschenke ausgetauscht. Und es kommt zu keinen Überraschungen, dass das Kind irgendwann einmal, in einer Lebenssituation, in der die Frau es nicht erwünscht, vor der Türe steht und sagt: "Hallo hier bin ich"

Der erste Schritt für eine Schwangere in einer Notsituation ist sicherlich die Beratung. Die bieten Sie auch im Krankenhaus Waldfriede an. Wie wird sie angenommen?

Durch die Beratung wollen wir den Frauen Wege eröffnen und anbieten, dass sie mit gutem Gewissen dastehen und auch in der Zukunft leben können. Wir müssen den Frauen viele Möglichkeiten anbieten, um mit einer ungewollten Schwangerschaft zu Recht zu kommen. Und wir müssen ihnen auch zugestehen, dass sie nicht immer alle Möglichkeiten kennen. Dabei ist es wichtig, dass die Frau einen für sie gangbaren Weg findet.

Wenn Frauen sich zur Beratung melden, lade ich sie zu mir ein. Und dann nutzen sie die Gelegenheit, endlich aus ihrem Gerüst von Geschichten auszubrechen, das sie um sich herum aufbauen mussten, um die Schwangerschaft zu verheimlichen, zu verleugnen und zu verdrängen.  

Und ich merke, wie sich die Frauen entspannen und auch erleben: Hier muss ich mal nicht lügen. Bei uns dürfen sie echt sein und zu ihrer Problematik stehen. Die Frauen nutzen das und lassen sich auf die Gelegenheiten ein, die wir ihnen anbieten.

Vielen Dank für das Gespräch Dr. Menn!
Das Interview führte Uta Damm.