Mann auf einem Fahrrad verfolgt eine Frau, nachgestellt (Quelle: rbb)
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- Opfer sexueller Gewalt – was kann ich tun?

Rosemarie Priet ist Leiterin der Opferberatung Potsdam. Im Interview sagt sie, was Betroffene sexueller Übergriffe und auch deren Angehörige tun können.

Wenn ich Opfer sexualisierter Gewalt werde, was sollte ich zuerst tun?

Bei Vergewaltigungen gibt es die Möglichkeit der vertraulichen Spurensicherung, das heißt: Auch wenn sich ein Opfer nicht dazu durchringen kann sofort Anzeige zu erstatten, sollte es medizinische Hilfe in Anspruch nehmen und die Spuren sichern lassen. Das können sie in Brandenburg in einem Netz von vier Frauenkliniken tun: In Frankfurt, Cottbus, Potsdam und Neuruppin. Dort ist die vertrauliche Spurensicherung kostenlos. Die vier Frauenkliniken haben  sich bereiterklärt vertrauliche Spurensicherung durchzuführen, das machen ja nicht alle. Da braucht es bestimmtes Wissen und Erfahrung dazu.

Die Frauen können dort hingehen, sie können das vertraulich behandeln lassen. Gleichzeitig erhalten sie medizinische Versorgung und natürlich auch Informationen für psychologische und juristische Unterstützung. Wenn irgend möglich sollte die Betroffene nicht vorher schon duschen – das ist natürlich in so einem Moment, nach so einem Erlebnis eine Zumutung. Aber letztendlich geht es darum, dass man diese Spuren sichern kann.

Die am Körper gefundenen Spuren werden anonym archiviert. Sie können, wenn die Betroffene sich entschließt, später Anzeige zu erstatten, zum Strafverfahren hinzugezogen werden. Das schließt aus, dass es eventuell, bei einem späteren Verfahren zur Einstellung mangels Beweisen kommt. Das ist oft das Problem bei späten Anzeigen: Es gibt keine Spuren mehr, dann kommt es zu einem Aussage-gegen-Aussage-Verfahren und dann oft zu einer Verfahrenseinstellung.
 

Karte Kliniken vertrauliche Spurensicherung (Quelle: rbb)
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Was sind die nächsten Schritte?

Die Spurensicherung kann mit oder ohne Anzeige erfolgen. Bei einer Spurensicherung mit Anzeige wird sie durch die Polizei begleitet. Danach wäre es wichtig, dass sie psychologische oder psychosoziale Hilfe sucht, z.B. bei der Opferhilfe. Dort wird dann geschaut, welche Art von psychologischer Unterstützung sie braucht – nicht alle brauchen das gleiche – einige brauchen Therapien, andere Opfer brauchen eine Beratung, das reicht ihnen  aus, andere Akuttherapien. Wir gucken dann gemeinsam mit den Betroffenen - was kommt für sie in Frage? Das können sie dann auch bei uns in Anspruch nehmen und gleichzeitig erhalten sie bei uns eben auch die Vermittlung zu Anwälten. Das ist der nächste Schritt: Die anwaltliche Vertretung, Stichwort Nebenklage. So bekommt man auch im laufenden Verfahren rechtliche Unterstützung, kann Einfluss nehmen und bekommt Informationen: "Wo ist denn der Täter überhaupt? Wird der jetzt in Untersuchungshaft genommen oder ist er auf freiem Fuß?" Da können wir dann schauen - welche Schutzmaßnahmen brauchen Betroffene eventuell? Gleichzeitig können wir dann auch schon mal diese psychosoziale Prozessbegleitung beantragen, das ist im Unterschied zur juristischen, eine psychologische Begleitung im Verfahren. Sie wird aber genauso wie ein Anwalt dem Strafverfahren beigeordnet. Die Betroffene hat also einen Rechtsanspruch darauf.

Rosemarie Priet, Leiterin der Opferberatungsstelle Potsdam (Quelle: rbb)
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Wie kann ich die Tat verarbeiten? Was hilft auch langfristig?

Erstmal Schutz und Sicherheit suchen. Was vielen hilft: Das, was passiert ist, für sich erst einmal als einschneidendes Erlebnis anerkennen und sich sagen:  Jetzt suche ich mir Möglichkeiten, mich zu entlasten. Ich spreche vielleicht mit einer vertrauten Person darüber, was mir geschehen ist, ich vertraue mich an – aber hier auch nur Personen, von denen man wirklich weiß, die genießen das Vertrauen. Man sollte auch Dinge tun, die einem ermöglichen, sich von dieser schrecklichen Angst, die währenddessen erlebt wurde, von Scham und Schuldgefühlen, zu erholen. Dass heißt, Dinge tun, die einem das ermöglichen: Sich krankschreiben lassen, wegfahren, sich sagen: Ich ermögliche mir jetzt tatsächlich Erholung, damit ich überhaupt zu Ruhe kommen kann. Direkt nach der Tat zeigen fast alle starke Belastungsreaktionen, sind aufgewühlt, haben starke Angst oder sind besonders wachsam. Manche trauen sich nicht allein nach draußen, weil sie auch nicht wissen, wo der Täter ist, unter Umständen bekommen Betroffene auch Angst vor anderen Männernn.  

Außerdem ist es wichtig, dass es finanzielle Hilfen gibt, auf die man einen Anspruch hat. Dazu zählt das Opferentschädigungsgesetz und auch der Fonds Sexueller Missbrauch. Es ist manchmal schwierig solche Anträge zu stellen, da bieten Beratungsstellen Hilfe: Opferberatung, Frauenberatungsstellen, der Weiße Ring.

Ich bin Angehöriger – wie kann ich das Opfer unterstützen?

Wichtig ist die Reaktionen der Betroffenen anzunehmen, zu akzeptieren und das zu unterstützen, was sie selber sich wünschen.

Nicht zu sagen: "Vergiss das mal ganz schnell" - auch nicht drin herumbohren. Nicht insistieren, nicht immer wieder das Gespräch darauf bringen, sondern nur darüber sprechen, wenn die Betroffene selber das auch möchte, also ein Angebot machen: "Ich bin für dich da, du kannst mit mir sprechen. Aber zeige mir, wenn du das gern möchtest - dann spreche ich mit dir darüber."  

Es haben ja viele Angehörige den Eindruck: Jetzt verdrängt sie womöglich, das ist nicht gut, sie muss darüber reden. Es ist wichtig die Betroffene nicht zu Schritten zu drängen, die sie selber nicht machen möchten. Also wirklich die Entscheidung den Betroffenen überlassen, denn das was sie erlebt haben ist ja ein Maximum an Ohnmacht und Kontrollverlust. Deshalb ist es ganz wichtig, jetzt die Kontrolle wieder zurück zu bekommen und wieder selber im eigenen Leben entscheiden zu können. Deswegen ist es auch ganz wichtig, dass die Angehörigen sehr genau darauf hören und sensibel dafür sind, was die Betroffene selber möchte. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, das was geschehen ist anzuerkennen: Zu sagen, dass das so, wie sie es erleben, auch etwas Schlimmes ist, wenn sie Scham und Schuldgefühle, hat signalisieren: Das ist nachvollziehbar, wie du reagierst. 

Nicht sagen: "Du musst jetzt etwas ganz anderes machen, so solltest du es nicht tun oder nimm es nicht so schwer." - Das ist ganz wichtig: Nicht bagatellisieren, keine Mitschuldvorwürfe! Gerade im sozialen Umfeld kommt auch schnell mal die Frage: "Ja, warum warst du denn auch mitten in der Nacht unterwegs? Hast du den denn nicht einschätzen können? Hast doch vorher mit dem gesprochen. Wieso bist du mit dem gegangen?" - Solche Fragen implizieren ja Mitschuldvorwürfe.

Natürlich ist es gut, Informationen zu geben, wenn sie welche haben. Auch Angehörige können sich an unsere Beratungsstellen wenden. Sie sind die wichtigsten Bezugspersonen  und können am meisten helfen. Aber es gibt eben auch so ein paar Fallstricke und da können wir durch eine Beratung auch Angehörige gut unterstützen. Mit Angehörigen meine ich nicht nur Verwandte, sondern auch Freunde oder die Arbeitskollegin, die mitbekommen hat, das ihre Kollegin so etwas erlebt hat.

Was kann ich langfristig tun?

Langfristig ist eigentlich das Zauberwort. Zum Anfang sind eigentlich alle erschrocken und gehen sehr vorsichtig mit der Betroffenen um. Nach einer Weile, nach Wochen, Monaten werden sie dann ungeduldig und sagen sich: "Jetzt muss doch auch mal wieder Alltag zurückkehren." Meistens ist es so, dass erst nach einer Zeit die Probleme auftauchen. Angehörige sind selber überfordert, auch weil die Betroffenen selbst vielleicht längere Zeit darunter leiden. Aus diesem Grund sollte man auch selber Hilfe suchen. Also auch mit jemandem darüber sprechen, wie sie reagieren, dass sie überfordert sind oder auch wenn Eltern Schuldgefühle haben, dass sie ihre Kinder nicht schützen konnten oder der Partner, dem es der Partnerin gegenüber so geht. Es ist wichtig, dass sie sich Unterstützung holen, sich entlasten, um dann wieder eine Ressource für ihre Angehörige sein zu können. Man muss sich da nicht scheuen, Angehörige sind mit betroffen: Es ist nicht nur so, dass die eigentlichen Opfer belastet sind,  meistens sind es auch die Angehörigen, auch die haben manchmal Angst vor dem Täter.