Studentenführer Rudi Dutschke am 6. März 1968 (Quelle: dpa)

Deutschlands berühmtester Student der 1968er Bewegung kam aus Luckenwalde - Wie Dutschkes Weltbild entstand

Der 17. Juni 1953 hinterließ die ersten tiefen Spuren im Bewusstsein von Rudi Dutschke. Der Vater eines Freundes, der in Ost-Berlin arbeitete, war am Abend nicht nach Hause gekommen. Auf den Straßen herrschte ungewöhnliche Ruhe  - bis auf die sowjetischen Soldaten, die finster schauten.

In der Schule gab es keinerlei Informationen. Zu Hause hörten sie RIAS, erfuhren, dass es Tote gegeben hatte. Das empörte den christlich erzogenen, sozialistisch orientierten Schüler.  

Als 1956 die ungarischen Arbeiter aufstanden, gehörte ihnen die ganze Sympathie des 16-jährigen. Für ihn spiegelten die dort gebildeten Arbeiterräte die Untrennbarkeit von Demokratie und Sozialismus wider.  Die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes festigte sein tiefes Misstrauen gegen die Sowjetunion und den real existierenden Sozialismus. Den USA und dem kapitalistischen System stand er ebenfalls äußerst kritisch gegenüber – nicht zuletzt wegen des schonenden Umgangs mit den Nazi-Tätern in der Bundesrepublik.

Die Saat war gelegt.

1957 - FDJ-Vollversammlung an der Oberschule in Luckenwalde. Die Hoffnung der Funktionäre: möglichst viele Schüler sollten sich freiwillig zur NVA melden (die Wehrpflicht wurde in der DDR erst 1962 eingeführt). Doch nur einer tat es.  Zuvor hatten sich Rudi Dutschke  und ein Freund unter starkem Beifall gegen Armeedienst, Waffengebrauch und gegen Krieg ausgesprochen. Das Verbot von Westreisen verstehe er als Eingriff in die persönliche Freiheit.

Bei der Abiturfeier vor allen Schülern und Lehrern forderte der Schuldirektor Rudi Dutschke auf,  seine Haltung zum Militär darzulegen und Selbstkritik zu üben.  Doch Dutschke tat ihm den Gefallen nicht, erinnerte an den pazifistischen Ton der Nachkriegszeit: Niemals wieder eine Waffe in eines Deutschen Hand. Er könne nichts Unrechtes darin erkennen, nicht zum Militär zu gehen – begeisterter Applaus in der Aula.

Dennoch: in Luckenwalde hatte Dutschkes Auftritt keine Folgen, auch später nicht. Nur für ihn selbst. Man ließ ihn nicht studieren (Sportjournalist wollte er werden). Deshalb ging er nach Westberlin, machte das Abitur noch einmal und studierte.  Dort fielen seine politischen Einstellungen auf fruchtbaren Boden.

 

Ein Beitrag von Bernd Herrmann.

Theo_Dutschke_Pullover.jpgKein Pullover ist wohl berühmter geworden als der von Rudi Dutschke...

Hintergrund Rudi Dutschke

Er ging in Luckenwalde zur Schule, war ein sehr guter Sportler (Zehnkampf). Weil er wegen seiner Ablehnung des Militärdienstes nicht studieren durfte, ging er nach Westberlin. Als Studentenführer wurde er berühmt. Doch seine radikalen Ideen machten ihm auch viele Feinde. 1968 wurde er bei einem Anschlag lebensgefährlich verletzt. 1979 starb er an den Spätfolgen des Anschlags. Das Heimatmuseum Luckenwalde erinnert an ihn. Sein Pullover, den er bei vielen kämpferischen Auftritten trug und der eigentlich seiner Frau Gretchen Dutschke-Klotz gehörte, ist dort ausgestellt.

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