Zeitzeuge Gerhardt Bubel erzählt Jugendlichen aus Berlin über seine drei Jahre in der Kinder-Landverschickung.
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Zeitzeuge Gerhardt Bubel erzählt Jugendlichen aus Berlin über seine drei Jahre in der Kinder-Landverschickung. | Bild: rbb/ Theodor

Ideologischer und körperlicher Drill in Lagern für Jungen und Mädchen - Der Stärkste hatte das Sagen

Sommerfrische auf Staatskosten versprach die NS-Führung den Kindern, als die ersten Bomben der Alliierten auf die deutschen Städte fielen. Ab 1940 begann die erweiterte Kinder-Landverschickung im Deutschen Reich.

"Der deutsche Junge muß schlank und rank sein, flink wie ein Windhund, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Er muß lernen, Entbehrungen auf sich zu nehmen, Tadel und Unrecht zu ertragen, zuverlässig, verschwiegen, anständig und treu zu sein.“

Unter diesem Motto wollte das nationalsozialistische Regime in die Erziehung eingreifen und nach seinen Vorstellungen gute Mitglieder der "Volksgemeinschaft" formen. Vom Anhalter Bahnhof aus begann für viele Berliner Kinder im Oktober 1940 eine Reise – getarnt als "Erweiterte Kinderlandverschickung" – die der Evakuierung von Kindern aus von Bombenangriffen bedrohten Städten diente. Schon vorher gab es organisierte Ferienreisen für Stadtkinder, die "Kinder-Landverschickung". Rund 2,5 Millionen Kinder und Jugendliche lebten zum Teil jahrelang in Landschulheimen, Klöstern, Hotels, Pensionen und Zeltlagern. Begleitet wurden sie von ihren Lehrern und der Hitlerjugend (HJ) beziehungsweise dem Bund Deutscher Mädel (BDM). Für einige von ihnen war es eine schöne Zeit, doch für viele, insbesondere für die Schwächeren, war es ein traumatisches Erlebnis.

Die Lager erfüllten den Zweck, die Kinder und Jugendlichen fernab des elterlichen Einflusses zu  guten Menschen im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen, also zu starken, abgehärteten Deutschen, die ihre individuellen Bedürfnisse zugunsten einer "Volksgemeinschaft" unterordneten. In den Lagern waren sie neben politischer und ideologischer Beeinflussung auch militärischem Drill ausgesetzt. Obgleich die Lager sehr unterschiedlich waren – abhängig von den Lehrern, die dort tätig waren und ihrer Autorität gegenüber der in der Regel dominierenden HJ beziehungsweise dem BDM – entwickelten sich überall Hackordnungen, die rein auf dem Prinzip des Stärkeren basierten. Stubenleiter, Appelle und ein strenges Regiment bestimmten das Leben dort.

Der Kontakt zum Elternhaus unterlag der Zensur, die Kinder durften nur Positives über das Lager nach Hause schreiben. Oft erfuhren sie per Post, dass ihre Väter im Krieg gefallen, die Wohnung zerstört oder ein Familienmitglied einem Bombenangriff zum Opfer gefallen war. Für die Rückführung der Kinder gab es keine Richtlinien. In den zunehmenden Wirren des Krieges gerieten Zehntausende zwischen die Fronten, mussten fliehen und sich, zum Teil von ihren Betreuern im Stich gelassen, alleine in Sicherheit bringen oder auf den Weg zu ihren Eltern machen.

In unserem Beitrag erzählen zwei Zeitzeugen, wie sie ihre Kinderlandverschickung erlebt haben.

 

Ein Beitrag von Anna Korehnke.

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