Begehbares Darmmodell (Quelle: dpa/Peter Kneffel)
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Begehbares Modell des Darms | Bild: dpa

- Die Wahrheit über... unseren Darm

Ein gesunder Darm ‑ viele Menschen können davon nur träumen. Sachbücher zum Thema führen die Bestsellerlisten an, verzweifelte Betroffene vertrauen auf obskure Behandlungsmethoden. Doch was ist gesichert, was hilft wirklich bei Problemen wie Reizdarm oder Verstopfung? Und welche Rolle spielt der Darm für die gesamte Gesundheit eines Menschen?

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Reizdarm – endlich gibt es Hilfe!

Wenn der Darm nicht mitspielt, wenn er Schmerzen verursacht und Durchfall, dann sollte man das auf jeden Fall abklären lassen. Am schwierigsten ist die Abklärung beim sogenannten Reizdarm-Syndrom. Menschen, die darunter leiden, haben oft eine lange Ärzteodyssee hinter sich. Es gibt keinen organischen Befund – Magen- und Darmspiegelungen zeigen, dass eigentlich alles gesund ist. Trotzdem leiden sie unter Durchfällen, Bauchschmerzen und Verstopfung, oftmals im Wechsel und meist unberechenbar.

Ein Reizdarm-Syndrom (RDS) kann zu sozialer Isolierung führen. Aus Angst vor plötzlichem Durchfall wagen sich die Betroffenen nicht mehr auf die Straße. Es kommt auch zu Einschränkungen im Berufsleben und zu psychischen Belastungen. In der medizinischen Fachwelt galt der Reizdarm-Patient lange Zeit als ein Fall für den Psychologen. Man empfahl Entspannungstechniken, die Patienten sollten einfach weniger an Probleme denken, dann würde sich alles verbessern. Dem war aber meist nicht so. Entspannungsmethoden sind sicher sinnvoll, diese allein bringen aber meist keine wirkliche Abhilfe.

Nun zeigt erstmals ein Ernährungskonzept Erfolge: bei der sogenannten Eliminationsdiät verändern Reizdarm-Patienten ihren Speiseplan - sie streichen Patienten versuchsweise vier bis fünf Wochen lang bestimmte Lebensmittel, protokollieren genau, wie der Körper darauf reagiert und erproben so, ob das die Beschwerden lindert. Bei jedem Patienten können es andere Nahrungskomponenten sein, die zu einer Reizung des Darms führen. Bewährt hat sich aber oftmals die sogenannte FODMAP-Diät. FODMAP steht für Fermentable Oligosaccaride Disaccharide, Monosaccaride und Polyole - mehrere Gruppen von Zuckern, die im Darm Vergärungen verursachen.

Bei der FODMAP-Diät werden Weizen oder Roggen durch Reis oder Hafer ersetzt, man nimmt glutenfreie Nudeln und laktosefreie Milch stehen auf dem Speiseplan, statt Apfel wird Banane empfohlen und statt Johannisbeere Blaubeere. Keine einfache Diät, aber vielen Reizdarm-Patienten hilft sie. Sie testen eins nach dem anderen und sehen so, welche Lebensmittel sie vertragen und welche nicht. So können individuelle Speisepläne entwickelt werden, die im besten Fall zu weitgehender oder völliger Beschwerdefreiheit führen können.

Umstrittene Tests

Um die richtige Therapie für Reizdarm-Patienten zu finden, wenden Ärzte und Heilpraktiker verschiedene Tests an. Der IgG 4 Bluttest ist ein Labortest, bei dem nach Immunglobulinen der Gruppe 4 gesucht wird. Er soll aufzeigen, ob der Körper empfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel reagiert. Unter Medizinern ist er umstritten, da er oft ungenaue Ergebnisse bringt. Manchmal wird das Testergebnis zu unkritisch als Handlungsanleitung verstanden. Das kann das fatale Folgen haben. Im schlimmsten Fall gibt es lange Listen von Lebensmitteln, die gar nicht mehr gegessen werden sollen und es bleibt kaum mehr etwas übrig. Der Test irrt aber mitunter. Selbst wenn er anzeigt, dass man auf Gluten oder Kuhmilch empfindlich reagiert, kann es sein dass man diese Lebensmittel trotzdem verträgt.

Wenn ein Test gemacht wird, sollte er nur der Einstieg in eine tatsächliche Überprüfung durch schrittweises ausprobieren sein. Die meisten Kassen übernehmen die Kosten des IgG4-Bluttests nicht. Die Kosten liegen zwischen 75 und 400 Euro. Ärzte können aber auch auf seriöse Art mit den Tests arbeiten, indem sie sie dafür nutzen, welche Lebensmittel man als erste im Test weg lassen sollte.

Auch der Darmflora-Stuhltest, der ab 80 Euro angeboten wird, ist umstritten. Seine Ergebnisse sind nicht immer zuverlässig. Der Test erkennt viele Bakterien gar nicht oder nur ungenau. Derzeit wird intensiv daran geforscht, die Darmflora genetisch zu bestimmen. Wissenschaftler arbeiten bereits mit solchen Gentests. In der Diagnostik von Reizdarmpatienten wird so ein Test voraussichtlich frühestens in zwei bis drei Jahren eingesetzt.  

Was hilft bei Verstopfung?

Umfragen zufolge leiden rund 15 Millionen Menschen regelmäßig oder immer wieder an Verstopfung. Die Ursache kann in einer ballaststoffarmen Kost liegen, aber auch in einem Nachlassen der Spannung in der Darmmuskulatur, die den Darm träge macht. Eine wesentliche Rolle spielt auch die Flüssigkeitszufuhr – zusammen mit dem Wassergehalt, der in der Nahrung enthalten ist, sollten täglich eineinhalb bis zwei Liter Flüssigkeit aufgenommen werden. Dann können die Ballaststoffe im Dickdarm ausreichend quellen und für einen normalen Stuhlgang sorgen. Wichtig dabei ist auch genügend Bewegung. Eine rein sitzende Tätigkeit begünstigt Verstopfung.

Wer unter chronischer Verstopfung leidet, hat aber oft alles an gut gemeinten Ratschlägen ausprobiert und trotzdem bleibt der Darm träge. Dann hilft nur ein Abführmittel. Richtig eingenommen, sind Abführmittel sichere Arzneimittel. Sie dürfen aber keineswegs überdosiert werden. Wenn der Stuhl durch die Arznei flüssig wird, kann es zu einem gefährlichen Kaliummangel kommen, der mitunter Herzrhythmusstörungen verursachen kann. Keineswegs sollten Abführmittel eingesetzt werden, um abzunehmen. Ein missbräuchlicher, überdosierter Einsatz birgt Lebensgefahr.

Bei chronischer und akuter Verstopfung können indischen Flohsamenschalen wirksame Abhilfe leisten - es sind Quellstoffe, die bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr dafür sorgen, dass genug Wasser im Darm gebunden wird. Man kann Abführmittel unter ärztlicher Rücksprache auch regelmäßig anwenden. Allerdings sollte man bedenken, dass es nach einer kompletten Entleerung des Dickdarms meist wieder zwei bis drei Tage dauert, bis ein erneuter Stuhlgang auf natürliche Weise stattfinden kann. Vorschnell das nächste Abführmittel nach zu schieben wäre also kontraproduktiv.

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