Martin Hikel (Quelle: imago images/Christian Ditsch)
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3 Fragen an den Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel - "Es gibt es in Deutschland keine Bürger zweiter Klasse."

In Neukölln, wo Martin Hikel (SPD) seit 2018 Bezirksbürgermeister ist, ist die Armutsgefahr aller Berliner Bezirke am höchsten.

30 Jahre nach dem Mauerfall - sind Ostdeutsche Bürger zweiter Klasse?

Natürlich gibt es in Deutschland keine Bürger zweiter Klasse - aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Mehrheit der Ostdeutschen so fühlt, und ich finde das furchtbar. Besonders erschreckend ist, dass nur jeder fünfte unter 40 in Ostdeutschland die Wiedervereinigung als gelungen empfindet. Wir dürfen auch nicht ignorieren, dass nach der Wende eine nicht unerhebliche Zahl an Facharbeitern auf der Straße gelandet ist und sich trotz hoher Qualifizierungen von ABM-Maßnahme zu ABM-Maßnahme gehangelt haben.

Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass manche heute offen zur Diskussion stellen, ob es sich noch "lohne", in manchen Gegenden in Ostdeutschland in die Infrastruktur zu investieren. Das zeigt: Wir haben ein gewaltiges Problem in Deutschland!  

Ich sage ja auch nicht in meinem Bezirk Neukölln: "Ach, da haben wir so viele Probleme, da ist eh nichts mehr zu machen." Im Gegenteil: Wir packen an, kümmern uns, bauen Vertrauen auf. Wir machen auch Ansagen, aber wir erklären warum. Menschen verlieren Vertrauen in Politik, wenn die sich nicht um die konkreten Probleme kümmert. Und das sind nun einmal Themen im direkten Umfeld - ob und wie oft der Bus kommt oder wo der nächste Arzt ist. Für Politik ist nichts schwieriger als verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen.

Was würden Sie sagen ist in den vergangenen 30 Jahren gut gelaufen? Was nicht?

Es kann nicht sein, dass aus der DDR lediglich der grüne Pfeil und das Ampelmännchen übrig geblieben sind. Man hat auch viele Chancen verpasst. Die Abschaffung der Polikliniken und des durchlässigen Schulsystems sind Beispiele für verpasste Chancen, die wir jetzt unter anderen Namen wieder einführen.

Systemische Entscheidungen haben maßgeblich das beeinflusst, was Menschen heute prägt. Deshalb fühlen sich viele Menschen entwurzelt, in ein System hineingezwängt, das ihnen niemand erklärt hat und das sie nicht mitgestalten konnten. Das führt zu Unverständnis und Verbitterung und das erlebe ich auch unmittelbar in meinem Umfeld. Ohne Frage wurden Milliarden in die Bausubstanz und die Infrastruktur investiert - keine ostdeutsche Stadt und keine Straße sähe heute so aus ohne die Wende, ohne Aufbau Ost und ohne Soli.

Aber Beton alleine macht noch keine Einheit. Wir müssen uns allerdings auch immer wieder bewusst machen, dass die Einheit und die friedliche Revolution Freiheit für 16 Millionen Menschen gebracht hat. Ohne die Einheit würde ich mein Amt nicht bekleiden und hätte ein vollkommen anderes soziales Umfeld. Insofern empfinde ich die Einheit als einen Glücksfall der Deutschen Geschichte, jedoch muss davon auch mehr erzählt werden und die politische Praxis alle Menschen mitnehmen. Zu tun gibt es offensichtlich genug.

Welches sind die wichtigsten Herausforderungen, die West und Ost gemeinsam anpacken müssen/können?

Wir müssen das Denken in Kategorien aufheben. Bis heute fährt kein BVG-Bus nach Großziethen, direkt an der Neuköllner Grenze. Die BVG wendet vor der Landesgrenze, als sei da die Welt zu Ende. Das ist kein Vorwurf gegen die BVG oder den Verkehrsverbund, aber es zeigt: Verwaltung und Politik denken noch immer in Grenzen, die bei den Menschen längst keine Bedeutung mehr haben.

Nicht jeder Ostdeutsche ist frustrierter Ex-Stasi-Offizier, und nicht jeder Westdeutsche hat Wohnhäuser von der Treuhand gekauft. Erst wenn wir solches Schubladendenken überwinden, können wir auch ernsthaft von einer emotionalen Einheit sprechen. Menschen müssen sich gegenseitig ernst nehmen, wertschätzen, jeder mit seiner persönlichen Biografie ist wichtig. Nur wenn sich das in den Köpfen ändert, kommen wir auch gemeinsam voran.