illustration CRISPR-CAS9 gene editing complex; Quelle: imago/Science Photo Library
Bild: imago/ stock&people

Integrität der Wissenschaft in Gefahr? - CRISPR/Cas9 - Wurden Babys geneditiert?

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP kamen in China die ersten genomeditierten Babys zur Welt. Der Bericht beschreibt die Geburt von Zwillingsmädchen, in deren Erbgut bereits im frühen Embryo mithilfe des Genome-Editing-Werkzeugs CRISPR/Cas9 eine Erbanlage ausgeschaltet worden sein soll.

Noch gibt es keine wissenschaftliche Veröffentlichung oder weitere Quellen zum Gelingen der angeblichen Experimente; erste spärliche Information finden sich allerdings im chinesischen Register für klinische Studien. Der federführende Wissenschaftler He Jiankui von der South University of Science and Technology of China in Shenzhen erklärte zudem in einem YouTube-Video, die "Genom-Chirurgie" habe im Erbgut der zwei geborenen Mädchen "die molekulare Eintrittspforte entfernt, durch die HI-Viren Menschen infizieren können". Diese Eintrittspforte stellt in den Versuchen der Rezeptor CCR5 dar, der auf der Oberfläche von Immunzellen vorkommt. Das sogenannte CCR5-Gen wird im Körper jedoch allgegenwärtig exprimiert und spielt zudem eine Rolle bei der Aktivierung des Immunsystems. Mutationen im CCR5-Gen sind mit der Resistenz gegen eine HI-Virus-Infektion verbunden, die damit im CCR5-Gen verknüpfte Resistenz ist nicht jedoch keinesfalls absolut. Heute können die Symptome einer HIV-Infektion unter Kontrolle gehalten werden und Millionen von HIV-positiven Menschen weltweit leben ein normales Leben. Wenn das HI-Virus im Blut nicht nachweisbar ist, ist das Risiko einer Übertragung der HIV-Infektion auf Babys minimal, insbesondere bei HIV-positiven Männern und HIV-negativen Müttern. Eine medizinische Indikation für diesen Menschenversuch bestand also nicht.

Die Nachricht kommt einen Tag vor Beginn des "Second International Summit on Human Genome Editing", der morgen an der Universität Hongkong beginnt und auf dem Pioniere des Genome Editing sprechen werden [27 November-29 November, 2018].

Und das sagen die Experten

Prof. Dr. Jörg Hacker Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Das Experiment, sollte es sich bewahrheiten, ist ein Weckruf für Politik und Gesellschaft. Mit der Erzeugung von genveränderten Menschen liegt damit möglicherweise der Beweis vor, dass Forscher tatsächlich rote Linien überschreiten. Es wurden offenbar gesunde, lebensfähige Embryonen manipuliert und die Folgen für die betroffenen Individuen werden möglicherweise erst in Jahrzehnten zutage treten. Die Anwendung der Genschere beim Menschen muss weiter intensiv erforscht werden, um Sicherheit und Transparenz zu gewährleisten. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat mehrfach betont, dass Eingriffe in die Keimbahn zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu verantworten sind. Diese Veränderungen werden vererbt und haben unvorhersehbare Auswirkungen über das Individuum hinaus. Eine Diskussion, die in verbindlichen Regeln für die Anwendung von Genscheren mündet, ist also dringlicher erforderlich als zuvor.

Prof. Dr. Christiane Woopen, Vorsitzende des Europäischen Ethikrates (EGE) und geschäftsführende Direktorin des Cologne Center for Ethics, Rights, Economics, and Social Sciences of Health (ceres), Universität zu Köln

Mit den Nachrichten aus China über die Geburt geneditierter Kinder, egal ob sie stimmen oder nicht, hören wir den endgültigen Weckruf für die internationale Gemeinschaft, die Integrität und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft angesichts ihrer grundstürzenden Auswirkungen auf die Menschheit zu garantieren. Unabhängig davon, wie man genverändernde Eingriffe am menschlichen Embryo zum Zwecke der Forschung bewertet, hält es die überwältigende Mehrheit der Forscher schon aus wissenschafts-ethischen Gründen für unverantwortlich zum jetzigen Zeitpunkt mit CRISPR veränderte Embryonen für die Fortpflanzung zu verwenden. Noch viel zu unklar sind die damit verbundenen Risiken für das geborene Kind und die nachfolgenden Generationen. Darüber hinaus verstößt ein solcher Eingriff in das embryonale Genom im Rahmen der Fortpflanzung gegen internationale Menschenrechtsdokumente. Die chinesischen Forscher haben Menschenrechte verletzt und der Vertrauenswürdigkeit der Wissenschaft schweren Schaden zugefügt. Das sollte die internationale Gemeinschaft nicht dulden.

Prof. Dr. Jochen Taupitz Geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Biomedizin der Universitäten Heidelberg und Mannheim

Bisher ist man in der Wissenschaft davon ausgegangen, dass es noch unverantwortlich sei, CRISPR-Cas und andere gentechnische Verfahren zur gezielten Veränderung der menschlichen Keimbahn einzusetzen... [da] die Verfahren trotz aller Weiterentwicklungen noch zu ungenau sind und deshalb schwere Schäden für die entsprechenden Individuen nicht auszuschließen seien. Deshalb hat man sich bisher – wenn überhaupt menschliche Embryonen einbezogen waren – auf reine Laborversuche beschränkt und entsprechend veränderte Embryonen nicht auf eine Frau übertragen. Falls die Nachricht stimmt, dass jetzt doch die ersten zwei Babys nach einer gezielten Keimbahnveränderung durch CRISPR geboren wurden, wäre das ein deutliches Zeichen für ein unverantwortliches Vorpreschen einzelner Wissenschaftler.“

Prof. Dr. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie/ Ethik, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Erlangen, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats

Sollte es sich bewahrheiten, dass ein mithilfe von CRISPR genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU. Dass ausgerechnet am Tag vor dem weltweiten Wissenschaftsgipfel, der über den verantwortlichen Umgang mit der Genome Editing beim Menschen berät, ein solches Experiment bekannt wird, kann ja fast nur als Affront gegenüber dem Ansinnen verantwortlicher Wissenschaft gewertet werden. Hier hält man sich nicht an international vereinbarte Standards innerhalb der Wissenschaftscommunity. Das Ganze zeigt aber auch: Es reicht nicht aus, dass die Wissenschaft sich Verhaltenscodizes gibt, an die sich keiner hält. Wenn systematisch die biologische Grundlage des Menschen manipuliert werden soll, ist dies ein Menschheitsthema. So kompliziert es erscheint: Politik und Zivilgesellschaft auf globaler Ebene müssen sich mehr Klarheit verschaffen, was da passiert, und ernsthaft zu debattieren beginnen, ob wir für solche Forschungen nicht weltweit verbindliche Standards benötigen. Es stände Deutschland gut an, eine solche Debatte zu fördern. Die Forderung nach einer politischen und zivilgesellschaftlichen Diskussion hat der Deutsche Ethikrat bereits vor mehr als einem Jahr erhoben [...]. Ohne entsprechende Debatten droht der Wissenschaft ein möglicherweise irreparabler Vertrauensverlust in einer der vielversprechendsten Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte.

Prof. Dr. Guido de Wert Professor für Ethik in der Reproduktionsmedizin und Genforschung, Maastricht University, Niederlande

Sie haben momentan zwei Ansichten unter den Wissenschaftlern, Juristen, Ethiker und weiteren. Die erste Sichtweise bleibt bei dem aktuellen kategorischen Einwand, denn jegliche Eingriffe in das Keimbahngenom sind aus ethischer Sicht von vornherein inakzeptabel. Die zweite Sichtweise, die ich vertrete, und auch die Sichtweise der Berufsverbände ist, dass Keimbahn- und Genomeditierung nicht a priori unangemessen ist. Aber wir müssen uns der so genannten folgerichtigen Einwände bewusst sein, die entweder die Risiken dieser Interventionen oder auch einige gesellschaftliche Fragen betreffen. Und in Bezug auf die Risiken besteht weltweit ein starker Konsens darüber, dass mehr Grundlagenforschung und so genannte präklinische Sicherheitsstudien erforderlich sind.

Dr. Jan Korbel Forschungsgruppenleiter in der Genome Biology Unit, European Molecular Biology Laboratory (EMBL), Heidelberg

Die CRISPR/Cas-Methode ist eine präzise Technik in dem ausgewählten Zielbereich, aber genetische Veränderungen außerhalb dieses Bereiches können nicht ausgeschlossen werden. Selbst wenn diese nur minimal ausfallen, ist es derzeit unmöglich Langzeitkonsequenzen abzuschätzen. Da in dem vorliegenden Fall die mit der 'Genschere' eingebrachte Veränderung in vielen Zellen gleichzeitig auftaucht, und sogar von Zelle zu Zelle variieren könnte – und somit zu Mosaikformen führen kann –, sind die Folgen noch undurchsichtiger.

Prof. Dr. Toni Cathomen Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin und Gentherapie, Universitätsklinikum Freiburg

Für mich persönlich gibt es KEINE Indikation, die einen genetischen Eingriff in die Keimbahn rechtfertigt. Eltern, die Träger von Erbkrankheiten sind, kann bereits heute mit herkömmlichen Mitteln, der sogenannten Präimplantationsdiagnostik, geholfen werden. Auch für HIV-Positive gibt es konventionelle Möglichkeiten, die es den Eltern erlauben, ein HIV-negatives Kind zur Welt zu bringen.“

Die rechtliche Seite

Prof. Dr. Jochen Taupitz Geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Biomedizin der Universitäten Heidelberg und Mannheim

Aber bei aller Empörung muss man sich vor Augen führen, dass weltweit eben kein einheitliches rechtliches Verbot von Keimbahninterventionen beim Menschen existiert. In vielen Ländern gibt es gar keine expliziten gesetzlichen Regelungen – wie etwa in Russland und Singapur, in anderen Ländern gibt es zwar Verbote, deren Übertretung aber offenbar nicht sanktioniert wird – wie in China, Frankreich, Portugal, Taiwan und dem Vereinigten Königreich, und in den USA beispielsweise besteht die ‚schärfste‘ Grenze darin, dass keine bundesstaatlichen Mittel dafür eingesetzt werden dürfen. In Belgien ist eine Keimbahnintervention zu therapeutischen Zwecken sogar ausdrücklich erlaubt, wenn sie denn von einer Ethikkommission genehmigt wird – was die Kommission beim derzeitigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse aber wohl nicht tun würde. [...] Ich denke, wir brauchen eine prinzipielle Diskussion über die Verhältnismäßigkeit dieser Art von Anwendungen und eine kritische Diskussion darüber, wie medizinische Anwendungen von Designer-Baby-Anwendungen abgegrenzt werden können, die wir gerne vermeiden würden.