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TALKING SCIENCE vor Ort am Hasso-Plattner-Institut Potsdam - Wenn Gesundheit digital wird

Digitalisierung ist längst nichts Neues mehr. Manche von uns teilen mehr mit ihrem Smartphone als mit ihren Mitmenschen. Auch unser Gesundheitswesen wird digitalisiert. Krankenakten, Prozesse im Krankenhaus und Diagnosen -  all das soll bald nichts mehr mit Papier, sondern viel mehr mit Big Data und Künstlicher Intelligenz zu tun haben. Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam hat deshalb, seit 2017, einen eigenen Lehrstuhl: das Digital Health Center. Julia Fischer hat sich dort umgesehen. 

Man schaut auf Fitness-Uhr

Wann nehme ich welche Pille? Wie viele Kalorien habe ich heute schon verbraucht? Diese Fragen teilen immer mehr Menschen mit Apps, die als "Gesundheitshelfer" fungieren sollen. Patienten dokumentieren ihre Körperwerte und optimieren so, schon im kleinen Kreis, ihre eigene Gesundheit.

Eine Entwicklung, die vor allem Ärzten helfen kann, ein besseres Bild von ihren Patienten zu bekommen. Aber auch Krankenkassen befürworten die Nutzung von Gesundheits-Apps und Fitness Trackern. Die AOK Nordost bezuschusste erstmalig den Kauf solcher digitalen Helfer, und die Generali will in naher Zukunft Kunden belohnen, die durch eine App einen besseren Lebensstil vorweisen können.  

Bert Arnrich

Wie sicher sind Gesundheits-Apps?

Was auf den ersten Blick verlockend klingt, hat allerdings noch seine technischen Mängel: Die App Vivy beispielsweise hilft rund 13,5 Millionen Versicherten ihre Gesundheitsdaten zu verwalten. Viele davon landeten ungesichert im Internet und waren für jedermann zugänglich. Inzwischen haben die Entwickler nachgebessert. 

Prof. Bert Arnrich vom HPI in Potsdam leitet den Lehrstuhl für Connected Health. Er befasst sich vor allem mit dem Erfassen und der Analyse von gesundheitsrelevanten Daten und versichert: "Die Daten sind in der Regel gut gegen Angriffe geschützt." Vor allem bei namhaften Anbietern wie Google, so Arnrich, könne man immer davon ausgehen, dass die Daten in Sicherheit seien. Was nicht bedeutet, dass kein Geschäft mit ihnen getrieben wird: "Das Geschäftsmodell ist datengetrieben. Wir nutzen ja diese Dienste, ohne zu bezahlen, und wir zahlen quasi mit unseren Daten."

Digitale Krankenakte

Die digitale Krankenakte

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens fängt also schon im eigenen Alltag an. Ihre Einsatzmöglichkeiten reichen aber weit darüber hinaus: Auch Krankenhäuser profitieren bereits von ihr. So auch das Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann. Hier wird seit fünf Jahren auf das lästige Papier verzichtet. Für die Ärzte ein riesiger Fortschritt: Jeder im Haus hat Zugriff auf die Daten, Werte und Röntgenbilder eines Patienten. Nichts muss mehr zusammengesucht werden, alles ist mit wenigen Klicks zum Abruf parat. 

Bestimmte Rechner sind sogar dazu in der Lage Blutwerte auszuwerten und Alarm zu geben, wenn drastische Veränderungen erkannt werden.
Einziges Problem: "Zurzeit, grade in Deutschland, ist die Lage sehr kompliziert. Jedes Krankennhaus hat sein eigenes System. Diese Systeme sind nicht interoperabel, sie können also keine Daten austauschen, und der Austausch mit den niedergelassenen Ärzten geht schon mal gar nicht." Und genau deshalb liegt vor uns noch ein ganzer Haufen Arbeit, so Prof. Bert Arnrich.

CT-Bild

Früherkennung durch Künstliche Intelligenz

Auch der Einsatz von Künstlicher Intelligenz soll im Gesundheitswesen bald eine größere Rolle spielen. So zum Beispiel als Frühwarnsystem bei Krankheiten. Die Systeme können CT-Bilder schnell analysieren und unter anderem auf Krebszellen hinweisen. Vor allem bei der Erkennung von schwarzem Hautkrebs, Prostatakrebs und Brustkrebs hat sich die neue Technologie bewährt.

Eine solche Zuverlässigkeit kommt dabei nicht von ungefähr: 50.000 Bilder eines Computertomographen muss die Künstliche Intelligenz verinnerlichen, bevor sie den Ärzten bei ihrer Arbeit helfen kann.  

Gesicht

Ein weiteres Einsatzfeld für Künstliche Intelligenzen sind Erbkrankheiten. Die Software "DeepGestalt" - eine gemeinsame Entwicklung von Wissenschaftlern aus den USA, Israel und Deutschland -  analysiert beispielsweise Gesichter von Kindern und kann anhand deren Gesichtszüge Erbkrankheiten frühzeitig erkennen. Auch hierfür muss eine große Datenbank geschaffen werden, auf die die Künstliche Intelligenz zurückgreifen kann. Sie vergleicht bestimmte Punkte im Gesicht des Kindes mit denen von erkrankten Menschen und bietet Kinderärzten so die Chance möglichst schnell zu agieren und die bestmöglichste Therapie für den Patienten einzuleiten.

Christoph Lippert

Dass Künstliche Intelligenzen schon bald ganze Eingriffe übernehmen, ist allerdings Zukunftsmusik: "Wir sind noch weit davon entfernt. Wenn man Chirurgen fragt, für die ist es extrem wichtig, das Gewebe zu fühlen. Ich glaube, das wird noch eine Weile dauern." Das meint zumindest Prof. Christoph Lippert. Er leitet den Lehrstuhl 'Machine Learning' am HPI und arbeitet an Künstlichen Intelligenzen, die, zumindest jetzt schon, als Assistenzdienste im Krankenhausalltag fungieren.

Großes Potential hat, laut Prof. Christoph Lippert, auch das Feld der Telemedizin. Den Arzt via Skype kontaktieren, anstatt weite Wege zur nächsten Praxis zu fahren: "Das ist grade für Länder wie Brandenburg eine große Chance. Da, wo akuter Ärztemangel auf dem Land herrscht." 

Digital Health Science bedeutet also: intime Details preiszugeben und die eigene Gesundheit mit Apps, künstlichen Intelligenzen und digitalen Systemen zu teilen. Ein riesiger Datenberg, der nicht immer sicher ist, für uns aber riesige Chancen verbirgt.

Hasso-Plattner-Institut

Mehr Infos zum Thema finden Sie hier: Digital Health Center

Beitrag von Tamy Alena Daum