Symbolbild: Eine Seniorin sitzt in einem Zimmer (Quelle: dpa/Frank May)
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Voraussetzungen und Antragstellung - Pflegeversicherung im Überblick

Statistisch gesehen wird die Hälfte aller Menschen irgendwann pflegebedürftig. Da ist es wichtig zu wissen, welche Leistungen es gibt. Unter welchen Voraussetzungen bekomme ich sie? Und wie kann ich sie richtig beantragen? Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen klärt die wichtigsten Fragen.

1. Wer bekommt Zuschüsse aus der Pflegeversicherung?

Wer mehr als sechs Monate im Alltag auf Hilfe und Pflege angewiesen ist, hat Anspruch auf Leistungen der Pflegeversicherung. Dieser Anspruch ist altersunabhängig. Auch für Kinder können gegebenenfalls Zuschüsse beantragt werden. Pflegekosten, die über die gesetzlich festgelegten Höchstbeträge hinausgehen, müssen Versicherte aus eigener Tasche zahlen.

2. Wie kommt man an die Zuschüsse aus der Pflegeversicherung?

Leistungen aus der gesetzlichen Pflegeversicherung beantragen Sie am besten schriftlich, ein formloses Schreiben reicht aus, bei Ihrer Krankenkasse. Die leitet den Antrag an Ihre Pflegekasse weiter. Ein Gutachter prüft dann Ihren Hilfebedarf und stuft diesen in einen Pflegegrad ein. Nutzen Sie unbedingt eine kostenfreie Pflegeberatung. Die Berater wissen, welche Leistungen Ihnen zustehen, zeigen Unterstützungsangebote auf und können Ihnen helfen, die Pflege zu organisieren. Ihre Pflegekasse muss Sie darüber informieren, wo Sie eine Beratung erhalten.

3. Was sind die häufigsten Fehler bei der Beantragung von Zuschüssen bei der Pflegeversicherung?

Häufig werden die Anträge zu spät gestellt, das gilt auch für die Aufstockungsanträge. Oft lassen die Hilfsbedürftigen bei der Überprüfung des Gesundheitszustands durch den medizinischen Dienst die Hilfsbedürftigkeit aus falsch verstandenem Stolz in einem rosigeren Licht erscheinen.

4. Was macht man, wenn man den Eigenanteil an den Pflegekosten nicht bezahlen kann?

Dann kann man beim Sozialamt „Hilfe zur Pflege“ beantragen. Mit dieser Sozialleistung unterstützt der Staat pflegebedürftige Menschen. Zuerst müssen allerdings die Kinder im Rahmen des Elternunterhalts für die Pflegekosten einstehen. Erst wenn diese nicht über das Einkommen oder das Vermögen verfügen, um ihre Eltern zu unterstützen, springt der Sozialhilfeträger ein.

5. Wie erfolgt die Einstufung in Pflegegrade?

Es gibt 5 Pflegegrade bei der Einstufung der Pflegebedürftigkeit. Dies wird von einem Gutachter des medizinischen Dienstes der Krankenkassen vorgenommen (MDK). Die wesentlichen Kriterien für die Einstufung werden in 6 Module unterteilt:

Modul 1 "Mobilität": Die Gutachterin oder der Gutachter schaut sich die körperliche Beweglichkeit an. Zum Beispiel: Kann die betroffene Person alleine aufstehen und vom Bett ins Badezimmer gehen? Kann sie sich selbstständig in den eigenen vier Wänden bewegen, ist Treppensteigen möglich?

Modul 2 "Geistige und kommunikative Fähigkeiten": Dieser Bereich umfasst das Verstehen und Reden. Zum Beispiel: Kann sich die betroffene Person zeitlich und räumlich orientieren? Versteht sie Sachverhalte, erkennt sie Risiken und kann sie Gespräche mit anderen Menschen führen?

Modul 3 "Verhaltensweisen und psychische Problemlagen": Hierunter fallen unter anderem Unruhe in der Nacht oder Ängste und Aggressionen, die für die pflegebedürftige Person, aber auch für ihre Angehörigen belastend sind. Auch wenn Abwehrreaktionen bei pflegerischen Maßnahmen bestehen, wird dies hier berücksichtigt.

Modul 4 "Selbstversorgung": Kann die Antragstellerin oder der Antragsteller sich zum Beispiel waschen und anziehen, kann sie oder er selbstständig die Toilette aufsuchen sowie essen und trinken?

Modul 5 "Selbstständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen – sowie deren Bewältigung": Die Gutachterin oder der Gutachter schaut, ob die betroffene Person zum Beispiel Medikamente selbst einnehmen, den Blutzucker eigenständig messen, mit Hilfsmitteln wie Prothesen oder Rollator umgehen und eine Ärztin beziehungsweise einen Arzt aufsuchen kann.

Modul 6 "Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte": Kann die betroffene Person zum Beispiel ihren Tagesablauf selbstständig gestalten? Kann sie mit anderen Menschen in direkten Kontakt treten oder die Skatrunde ohne Hilfe besuchen?

6. Wie hoch sind die Zuschüsse bei der Pflege zu Hause?

Pflegegrad               Pflegegeld               Pflegesachleistung

Grad 1                       125 €*                       0 €

Grad 2                       316 €                         689 €

Grad 3                       545 €                         1.298 €

Grad 4                       728 €                         1612 €

Grad 5                       901 €                         1.995 €

(*Sonderfall bei Pflegegrad 1 die 125 € sind ein sog. Entlastungsbetrag, dieser wird erst nach Vorlage einer Abrechnung bezahlt. Wird behandelt wie eine Sachleistung)

7. Wie hoch sind die Zuschüsse bei einem vollstationären Heimaufenthalt?

Pflegegrad               Pflegesachleistung

Grad 2                       770 €

Grad 3                       1.262 €

Grad 4                       1.775 €

Grad 5                       2.005 €

8. Es gibt neben dem Pflegegeld und den Sachleistungen noch weitere Leistung aus der Pflegeversicherung, z.B. zur Kurzzeitpflege. Was ist darunter zu verstehen?

Kann die Pflegeperson den Pflegebedürftigen nicht betreuen, etwa weil sie krank ist oder in den Urlaub fährt, ist stationäre Pflege über einen kurzen Zeitraum möglich. Die Kasse bewilligt in dem Fall 1.612 Euro für bis zu acht Wochen im Kalenderjahr. Infrage kommt diese Leistung auch vor der Rückkehr in die eigene Wohnung nach einem Krankenhausaufenthalt – wenn etwa Angehörige Zeit brauchen, um die Wohnung behindertengerecht zu gestalten.

9. Es gibt auch noch Verhinderungsleistungen. Was ist damit gemeint?

Falls bei der häuslichen Pflege, die Pflegeperson „verhindert“ ist. Bis 1.612 Euro für höchstens sechs Wochen im Kalenderjahr sind vorgesehen, wenn eine Ersatzpflegeperson die häusliche Pflege übernimmt. Die Verhinderungspflege lässt sich auch stundenweise nutzen und mit der Kurzzeitpflege kombinieren. Voraussetzung ist, dass die Ersatzpflegeperson kein naher Verwandter ist. Kümmern sich Enkel, Kinder oder Geschwister, gibt es das 1,5-fache des Pflegegeldes.

10. Wie sieht es aus mit Pflegehilfsmittel für die Betreuung zu Hause?

Dazu zählen z.B. Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel genauso wie technische Hilfsmittel wie ein Pflegebett. Dafür ist keine ärztliche Verordnung notwendig. Der Antrag auf Hilfsmittel muss telefonisch oder schriftlich bei der Pflegekasse gestellt werden.

Ein Beitrag von Christine Wiedergruen