Service - Wenn Eltern alt werden…

Irgendwann merken wir, dass unsere Eltern nicht mehr so können wie sie wollen. Sie werden gebrechlich, ihre Kräfte lassen nach und sie können ihren Alltag immer schwerer bewältigen. Die Neuropsychologin Katja Werheid gibt Tipps, wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können.

Irgendwann wird uns bewusst, dass unsere Eltern ins fortgeschrittene Alter kommen. Ihre Kräfte lassen nach und die alltäglichen Dinge gelingen immer weniger. Als Kinder fragen wir uns dann, was zu tun ist.
Gerontopsychologin Katja Werheid zeigt, wie wir es schaffen, für unsere Eltern da zu sein, ohne sie zu bevormunden, und wie wir mit alten Konflikten Frieden schließen, ohne dabei faule Kompromisse einzugehen. Sie warnt vor »Blitzangriffen« und appelliert stattdessen für Empathie und Offenheit in der Kommunikation mit den Eltern. Denn regelmäßige, vergnügliche Kontakte sind das Wichtigste, wenn es darum geht, unsere Elternbeziehung zu vertiefen und schwierige Situationen gemeinsam zu bewältigen.

Problemlage
Da Menschen heute eine längere Lebenserwartung haben, leben Kinder mit bzw. neben ihren Eltern um Jahrzehnte länger als noch im vergangenen Jahrhundert. Gleichzeitig sind früher übliche Familienstrukturen, in denen drei bis vier Generationen zusammen lebten weitgehend verschwunden.

Die Rentnergeneration ist in der Regel heute fitter und aktiver, trotzdem verändern sich Eltern mit zunehmenden Alter, weisen Gebrechen oder Defizite auf. Erwachsene Kinder haben zumeist selbst Familie, sind berufstätig, stehen im Leben, bewegen sich auf dem Stand der modernen Entwicklung bzw. Lebensstils. Das führt oft zu Entfremdung und Unverständnis.

Gleichzeitig kämpfen Gefühle der Verpflichtung den Eltern bestmöglich beizustehen, sie zu unterstützen seitens der Kinder und die (berechtigte) Erwartung der Eltern in gutem Kontakt mit den Kindern und Enkeln zu bleiben, regelmäßig besucht und auch unterstützt zu werden mitunter gegeneinander.

Oft sind die Beziehungen schon vorbelastet z. B. durch empfundene Ungerechtigkeiten in der Jungend, empfundene Benachteiligung eines inzwischen erwachsenen Kindes etc. All dies trübt nicht nur die emotionale Verbindung, es kann auch Empathiefähigkeit der jüngeren Generation ihren Eltern gegenüber stark einschränken.

Annäherungsmöglichkeiten
Dass alte Eltern teilweise ihr Interesse an vielen Bereichen des Lebens verlieren, kann psychische/neurologische (dementielle Erkrankungen, Depressionen), physiologische Ursachen (körperliche Beschwerden, Erkrankungen) oder auch soziale Ursachen, etwa mangelnder Kontakt zu anderen Menschen, Einsamkeit, Reizarmut, mangelnde Stimulation/ Forderung haben.

Hilfreich kann es sein, mit den Eltern frühere Interessen, Hobbys wieder zu aktivieren, sie beispielsweise daran zu erinnern, wie gern Vater oder die Mutter gesungen, musiziert hat und sie dabei zu unterstützen, diese Leidenschaft wiederzubeleben, etwa in dem ein Chor in der Umgebung, eine Senioren Musikgruppe gesucht wird. Kinder sollten gemeinsam mit ihren Eltern nach Neigungen, Anregungen und Kontaktmöglichkeiten suchen. Schon ein Kaffeeklatsch ist interaktiv und belebend. Besonders der Kontakt zu Enkeln und Urenkeln fordert und fördert alte Menschen intellektuell und lässt gute Gefühle und Erinnerungen, bis in die eigene Kindheit erwachen. Selbst bei an Demenz erkrankten Menschen erwachen positive Erinnerungen/Gefühle.

Allerdings sollten Kinder nicht zu viel Aktionismus an den Tag legen, ihre Eltern nicht unter Druck setzen, schließlich haben sie ein langes, arbeitsreiches Leben hinter sich und auch das Recht, auf Müßiggang.

Falsche Wahrnehmung der eigenen Person
Alte Menschen haben oft eine verzerrte Wahrnehmung von sich selbst, sie empfinden sich oft als jünger und agiler als ihre Altersgenossen. Viele lehnen daher Angebote oder Vorschläge ab z. B. Seniorentreffs der Volkssolidarität, der Kirchen etc. aufzusuchen. Das Argument: „Da sind ja nur alte Leute“. Kinder sollten versuchen, gemeinsam mit den Eltern diese Ablehnung zu überwinden, denn Kontakt, Aktivität und sei es „nur“ zu anderen betagten Menschen ist wichtig.

Zukunftsplanung
Ein heikles aber unumgängliches Thema ist der eventuell notwendige Umzug in eine betreute Einrichtung oder in ein Senioren/Pflegeheim. Eltern wollen nicht „abgeschoben“ werden, dennoch wird für viele dieser Schritt irgendwann unvermeidbar sein, zumindest wenn sie nicht im gemeinsamen Haushalt mit Familienangehörigen leben.

Auch wenn solche Gespräche unangenehm für alle Beteiligten sind, sollten sie besprochen werden, solange die Eltern noch entscheidungsfähig sind.

Zu den weiteren unangenehmen aber wichtigen Fragen, die rechtzeitig zwischen Eltern und Kindern geklärt werden sollten gehören Nachlass Verfügungen/Erklärungen und die Vorstellungen/Wünsche für die Bestattungsmodalitäten. Solche Gespräche, werden sie einfühlsam geführt, können für beide Seiten entlastend sein.

Beitrag von Ute Müller-Schlomka