Eine Biene auf einer Blume (Quelle: Colourbox)
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Service - Insektensterben – was tun?

Es krabbelt, flattert und summt wieder überall dort, wo Grünes wächst. Käfer, Falter oder Bienen sind wichtig, denn sie fressen Schädlinge und Bestäuben Obstblüten. Sie sorgen für eine reiche Ernte.  Doch die Insekten erleben dramatische Zeiten. Monokulturen in der Landwirtschaft und die  chemische Keule bedrohen ihre Existenz. Eine eigenartige Entwicklung findet statt. Die Insekten flüchten in die Städte. Im Studio Derk Ehlert, Wildtier-Experte beim Berliner Senat.

Experten sprechen inzwischen von einem allgemeinen Insektensterben. Doch so etwas lässt sich nur nach langjährigen Beobachtungen feststellen. Wissenschaftler und ehrenamtliche Helfer haben seit 1989 in einer Studie das Insektenaufkommen beobachtet. So wurden an 63 Orten in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg und Rheinland-Pfalz Fallen aufgestellt, in denen sich Millionen dieser Kleintiere sammelten. Die werden dann gewogen. So konnte man feststellen, dass die Zahl der Insekten sich um durchschnittlich 76 Prozent verringert hat. Im Sommer stellenweise sogar um 82 Prozent. Das ist alarmierend. Besonders wenn man dabei bedenkt, dass diese Untersuchungen in Naturschutzgebieten vorgenommen worden sind. Die Älteren haben sicher schon bemerkt: Marienkäfer waren vor einigen Jahrzehnten absolut keine Seltenheit. Sie sind so gut wie verschwunden. Unsere natürliche Umwelt verliert ihren Reichtum und ihre lebenswichtige Vielfalt. Ein Kreislauf geht kaputt. Der Überwiegende Teil der wild wachsenden Pflanzen wird von Insekten bestäubt. Sind die aber nicht mehr da, werden auch diese Pflanzen aussterben. Auch Vögel sind bedroht, denn sie ernähren sich überwiegend von  Insekten. Und noch etwas: Viele Gärtner klagen beispielsweise über die Blattläuse, die sich immer mehr ausbreiten. Auch ein Zeichen dafür, dass das natürliche Gleichgewicht durcheinander geraten ist. Insekten würden ja diese Schädlinge fressen. Und nicht zuletzt hängt von den Insekten auch der Ernteertrag vieler Obstbauern ab. Ganz genau sind die Ursachen für das Insektensterben nicht bekannt. Die zu verzeichnende Erwärmung müsste den Insekten eigentlich zugutekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Eher könnte die Abnahme der Pflanzenvielfalt eine Rolle spielen, vermuten Wissenschaftler. Eins zöge dann das andere nach sich. In Brandenburg wachsen auf riesigen Ackerflächen Mais oder Weizen. Für Insekten ist das kein attraktiver Lebensraum. Und dann der großflächige Einsatz von künstlichen Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft. Das vernichtet Kleintiere. Das ist dann auch der Grund, warum sich Insekten in die Städte retten.

Viele werden schon bemerkt haben, dass einige Vogelarten in der Stadt öfter zu finden sind als auf dem Land. Die Meise zum Beispiel. Dafür gibt es nur einen Grund: Das Futterangebot ist hier besser. Nicht nur, weil die Menschen mehr füttern oder Essenreste hinterlassen, sondern auch, weil es mehr Insekten gibt. Die finden in den zahlreichen Parkanlagen mit ihrer vielfältigen Fauna einen besseren Lebensraum. Ebenso in den vielen Kleingartenanlagen. Sogar die Balkonbepflanzungen sind hier regelrechte Biotope. Die Städter sehnen sich nach etwas Grün und davon profitieren die Insekten. Allein Berlin verfügt über etwa 63 Hektar Grünflächen, Wald- und  Ackerflächen nicht eingerechnet.

Nützlich ist jede Begrünung. Sogar in den Straßen der Altbauviertel gibt es Möglichkeiten. Zum Beispiel wenn man dort rund um die Straßenbäume herum Blumen- oder Kräuterbeete anlegt, was ja vielerorts inzwischen passiert. Kleine grüne Inseln. Je mehr man dabei auf natürliche Vielfalt achtet, desto besser.

Worauf es ankommt, kann man meist auch hören. Ein sehr gut gepflegter barocker Stadtgarten beispielsweise ist eher still, ganz im Gegensatz zu einer wilden Wiese, in der es laut summt und brummt. Das heißt; je mehr wilde Ecken es gibt, desto besser. Die können sich in Höfen befinden, in Kleingärten oder auf dem Wohngrundstück. Und sie müssen auch nicht groß sein. Ein bisschen Totholz, das dort verrotten kann und ein Pflanzenwachstum, wie es sich gerade ergibt, sind eine gute Nahrungsgrundlage und bieten Schutz für Insekten. Was wir als Unkraut definieren, ist für Kleintiere lebensnotwendig. Solche "wilden Ecken" lassen sich auch mit etwas Phantasie gut gestalten und schmücken dann sogar die eigene Gartenlandschaft. Solche "Reservate" für Insekten sind auch eine Hilfe für den eigenen Garten oder die eigenen Beete.

Insekten bestäuben Blüten und tragen so zur natürlichen Pflanzenvermehrung bei. Ohne sie ist eine gute Obst- oder Gemüseernte gar nicht möglich. Andererseits fressen sie Schädlinge. Wo Marienkäfer oder Ohrenkneifer leben, haben Blattläuse keine Ruhe. Wanzen lockern den Boden auf und bereichern ihn mit Nährstoffen.

Auch mit mancher Gartenarbeit kann man den Insekten schaden. Besonders, wenn man dabei bestimmte Hilfsmittel verwendet.

Das fängt bei Düngemitteln an und hört beim Laubsauger auf. Viele Gärtner wollen natürlich eine reiche Ernte und verwenden aus diesem Grund Substanzen, die für ein kräftiges und sicheres Wachstum sorgen. Wie in der großen Landwirtschaft finden die Giftorgien leider auch im Kleinen statt. Bis in den Blumenkasten hinein. Die übermäßige Verwendung von chemischen Dünger oder Pflanzenschutzmitteln vertragen Insekten aber nicht. Dabei gibt es Alternativen, die sich für kleine Parzellen schon seit langem bewährt haben. Dazu zählt die Bodenverbesserung durch das Kompostieren oder die Gründüngung. Bei letzterem werden bestimmte Pflanzen vor der Samenreife abgemäht und umgegraben. Als Gründüngungspflanzen eignen sich Buchweizen, Hafer, Ölrettich, Raps, Weißer und Gelber Senf sowie Sonnen-, Studenten- und Ringelblumen. Diese locken zur Blüte dann auch Bienen und andere Nektar sammelnde Insekten an, die dann wieder bei der Bestäubung helfen. Gegen Pflanzenschädlinge hilft unter anderem ein Brennnesselsud, der sich leicht anfertigen lässt. Das macht natürlich alles ein wenig Arbeit. So wie auch das Laub harken. Wer einen Laubsauger dafür benutzt, erzeugt nicht nur Lärm, sondern er vernichtet viele nützliche Insekten und deren Lebensräume. Die Städte sind an vielen Stellen hell erleuchtet. Auch das ist eine Gefahr. Wo es sich vermeiden lässt, sollte man darauf verzichten, besonders in Grünbereichen oder deren Nähe. Die so genannte Lichtverschmutzung, also überflüssiges Licht, lockt die Insekten an und bringt ihr Lebensrhythmus völlig durcheinander. Sie verlieren die Orientierung und sterben vor Erschöpfung zu Hunderttausenden jede Nacht.  Nun gibt es aber auch Insekten, die nerven. Mücken, Fliegen, Wespen. Sollte man die tolerieren, um die nützlichen zu schützen?

Doch auch die "schädlichen" Insekten sind als Futter wichtig für andere Tiere. Doch das bedeutet nicht, dass man sich von ihnen alles gefallen lassen muss. Chemische Kampfstoffe sind dabei aber aus den erwähnten Gründen nicht zu empfehlen. Besser eignen sich Schutzgitter oder elektrische Insektenfallen. Und mit den Wespen müssen wir leider leben. Sie bereiten ohnehin erst ab Ende Juli Probleme und dann auch nur wenige Arten. Sie weg zu pusten macht sie nur aggressiv. Aufpassen und Toleranz zeigen unter dem Motto: Auch diese Tierchen sind ein Teil des Lebens. Die Insekten sind bedroht. Das auch etwas mit unserem Konsumverhalten zu tun!

Umweltschützer beklagen schon lange, dass die industrielle Landwirtschaft das Ökosystem gefährdet. Der Konkurrenzdruck verlangt immer preiswertere Lebensmittel. Das lohnt sich aber nur, wenn man große Mengen davon verkaufen kann.  Die Natur ist auf diese Produktionsweise aber nicht eingestellt. Das führt zu künstlichen Eingriffen und riesigen Monokultur-Flächen. Wer die natürliche Vielfalt erhalten möchte, sollte deshalb nicht so häufig zu billigen Lebensmitteln greifen.

Beitrag von Katalin Ambrus und Boris Römer