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Service - Die Gefühle der Kriegskinder & Kriegsenkel

Anlässlich des Jahrestags des Endes des Zweiten Weltkrieges sprechen wir über die Folgen des Krieges bei damaligen Kriegskindern. Sie wurden häufig tief traumatisiert – Gelegenheit, dies aufzuarbeiten, hatten sie meist nicht. Und auch bei den Kriegsenkeln hat das Spuren hinterlassen. Wir sprechen mit der Journalistin Sabine Bode, die viele Erfahrungen damit gemacht und dazu Bestseller geschrieben hat.

Auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wirken noch Folgen dieser menschlichen Katastrophe nach. 60 bis 65 Millionen Tote, Schätzungen, die Verbrechen und Kriegsfolgen einbeziehen, gehen von bis zu 80 Millionen Opfern aus. Bei vielen Familien reichen die Spuren bis in die zweite und dritte Generation hinein. Die Kriegskinder, also die Jahrgänge von 1930 bis 1945 haben ihre Traumata oft unbewusst weiter gegeben. Als transgenerationale Traumatisierung wird dieses Phänomen beschrieben.
„Nicht zu wissen, was vor der eigenen Geburt geschehen ist, heißt, immer ein Kind zu bleiben“, sagte schon Cicero vor über 2000 Jahren.

Psychologische Forschung
Man weiß inzwischen, dass traumatische Kindheitserfahrungen zu Folgen in der Erziehung führen. Die erhöhte Impulsivität und Feindseligkeit der Mutter /des Vaters erschweren den Umgang mit Konfliktsituationen mit dem Kind. Die Mutter, der Vater erlebten selbst erhöhten subjektiven Stress in der Beziehung mit ihrem Kind, was unter anderem mit einer gestörten hormonellen Stressachse erklärt wird. Vermittelt über die eigenen Erziehungserfahrungen der Eltern kann es zu Veränderungen der hormonellen Stressachse des Kindes kommen. Die Traumatisierung und die unsichere Bindung der betroffenen Eltern, insbesondere der Mutter führen zur verminderten Oxytocinverfügbarkeit mit der Folge, dass die Interaktion mit ihrem Kind als wenig belohnend erlebt wird.

Kindheit im Krieg- Folgen für die nächste Generation

Kriegskinder erlebten Flucht, Vertreibung, Bombennächte, oft das Aufwachsen ohne Väter, in unsicheren Zeiten des Mangels in denen es um das pure Überleben ging. In diesen Kriegs-und Kinderjahren war kein Raum für Einfühlsamkeit angesichts des Überlebenskampfes.Für Einfühlung in die kindliche Seele gab es keinen Platz, Gefühle mussten unterdrückt werden, es ging um Funktionieren.
So dürfte es nicht verwundern, dass diese Generation, eine Generation ist, die häufig nur durch Abspaltung schmerzhafter Gefühle und traumatischer Erlebnisse das Leben meistern konnte. Eine Generation, die sich in den Nachkriegsjahren einen überlebenswichtigen Pragmatismus zu Eigen machte. Ihre Kinder, die Kriegsenkel wiederum wuchsen in friedlichen Zeiten auf, ohne materiellen Mangel aber häufig emotional unterversorgt. Es wurde wenig gesprochen über traumatische Erlebnisse.
Doch viele Kriegsenkel empfinden diesen Mangel an Empathie, an Gesehen- und Wahrgenommen werden. Das prägte häufig ihre Biografien mit Problematiken wie Getriebensein, sich nicht geborgen fühlen zu können, Beziehungsproblemen. Hinzu kommt, dass das Verhältnis zu den Eltern, einerseits von Schuldgefühlen, Ablehnung, andererseits von unerfüllter Sehnsucht nach bedingungsloser Elternliebe, Verständnis, emotionaler Nähe geprägt ist.
Beschrieben wird dieser Zwiespalt auch durch extreme Loyalität zumindest in der Außendarstellung bei gleichzeitiger emotionaler Distanz und gegenseitigem Unverständnis zwischen Kriegsenkel und Kriegskindergeneration.
Abgesehen von den Kriegsschrecken erlebte diese Generation vielfach eine Erziehung in nationalsozialistischen Denkmustern. Bekannt sind in diesem Zusammenhang die Publikationen von Johanna Haarer, u.a. „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, darin wird schon ein harter Umgang mit Säuglingen empfohlen, sollten sie etwa schreien. Die NS Maxime, „hart wie Kruppstahl ,zäh wie Leder, flink wie Windhunde“, findet sich in den Werken von Haarer als Erziehungsziel wieder.

Kriegsenkel - „Du weißt ja gar nicht, wie gut Du es hast“
Viele Kriegsenkel erleben eine Kindheit umwoben von Beklemmung und Schweigen. Als Erwachsene beschreiben viele von ihnen das Familienklima als“ Eine stillstehende graue Sauce“.

Wirkliche Gespräche, auch über die Vergangenheit finden kaum statt. Für die Eltern ging es nach den Kriegsjahren zumeist darum, einen gewissen materiellen Wohlstand zu erlangen, den Kindern, also den Kriegsenkeln ein gutes Leben zu ermöglichen. Sicher haben die Kriegskinder auch einen gewissen Pragmatismus entwickelt, dabei gleichzeitig ihre Emotionen in Schach gehalten. Schließlich sollten ihre Kinder es besser haben als sie. Mit dieser wohlmeinenden Haltung konnte jedoch das emotionale Defizit der Folgegeneration nicht ausgeglichen werden. Es führte im Gegenteil eher zu Schuldgefühlen, bei mangelnder emotionaler Bindung- ein Dilemma.

Wie kann man mit den Eltern ins Gespräch kommen?
Darauf lässt sich keine allgemeingültige Antwort geben. In einigen Fällen kann es gelingen mit konkreten Fragen, nach Einschulung, Schulfreunden, Lieblingsspeisen mit den Eltern in ein Gespräch über ihre Kindheit zu kommen, ohne vordergründig auf Konflikte zu sprechen, also friedvolles Interesse zeigen.

Manchen Kriegskindern, heute betagte Eltern, könnte ein gemeinsamer Besuch ihrer alten Heimat, Orten ihrer Kindheit erleichtern, über verschüttete Erinnerungen und Gefühle zu sprechen.
In anderen Fällen werden jedoch die betagten Eltern den Container, in den sie ihre Erlebnisse getan und verschlossen haben, nicht bereit sein, diesen zu öffnen. Auch das muss akzeptiert werden.
Um sich dennoch von der Last der empfundenen Mangelgefühle zu befreien, könnte ein behutsames Gespräch über den von den Kriegsenkeln empfundenen Mangel zu gegenseitigem Verständnis führen.


Gast im Studio: Sabine Bode, Autorin und Journalistin

Beitrag von Ute Mueller-Schlomka


Literatur/ Austausch:
„Die vergessene Generation“ Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen, Sabine Bode
„Kriegsenkel-Die Erben der vergessenen Generation“, Sabine Bode
„Kriegserbe in der Seele“, Udo Baer & Gabriele Frick-Baer
Film: „Der Krieg in mir“, DVD
In etlichen Großstädten des Landes gibt es Vereine, Gruppen, wie Kriegsenkel e.V., im Internet findet sich der Kriegsenkel Blog