Eine Frau sitzt mit Putzutensilien und einem Staubsauger vor der Waschmaschine (Quelle: Colourbox)
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Service - Endlich ausmisten! Die Psychologie des Aufräumens

Zu Beginn des neuen Jahres ist die beste Zeit zum Aufräumen: Weg mit der Vergangenheit, Platz machen für Neues, sich und sein Leben sortieren. Doch warum trennen wir uns so ungern von verstaubten Erinnerungsstücken oder Kleidung, die längst nicht mehr passt? Weil viele Menschen ihre eigene Ordnung nicht mehr allein auf die Reihe kriegen, kann man die Hilfe von Coaches in Anspruch nehmen. Unsere Expertin im Studio ist die Psychologin Elisabeth Heckel.

Endlich mal ausmisten. Ein typischer Vorsatz für das neue Jahr, doch den meisten Menschen fällt das schwer. Gleichzeitig häufen sich immer neue Dinge an. In der westlichen Konsumgesellschaft regiert schließlich der Überfluss. Dieses Ungleichgewicht verspricht professionellen Aufräum-Coaches wie der Japanerin Marie Kondo ein glänzendes Geschäft.

Kondo ist die Erfinderin der „Magic-Cleaning-Methode“. Ihr Motto: alles, was uns nicht glücklich macht, kann weg. Warum genau diese Entscheidung so schwer fällt, erklären Ansätze aus der Tiefenpsychologie: Der Keller steht für die Vergangenheit, der Eingangsbereich für Offenheit gegenüber Neuem, das Wohnzimmer ist Selbstausdruck, die Küche symbolisiert seelische "Verdauungsprozesse" – Gründe genug, darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen.

Grundsätzlich gilt: Freiraum schaffen ist immer ein positiver Ansatz. Fast alles, was seit mehr als zwei Jahren nicht mehr benutzt worden ist, kann in der Regel weg. Das gilt für Erinnerungsstücke oder Erbstücke: Weniger ist mehr. Es müssen nicht gleich zehn Blumenvasen von der Oma aufgehoben werden, auch nicht sämtliche Fotos, Eintrittskarten oder Schriftstücke aus der Vergangenheit. Auch Geschenke, die wir nicht benutzen, müssen nach modernen Knigge-Regeln nicht aufgehoben werden.

Als erster Schritt ist es sinnvoll, den eigenen Gedankenmustern auf die Schliche zu kommen: Warum will ich bestimmte Erinnerungen bewahren: Fühle ich mich einer Person verpflichtet oder hebe ich den Gegenstand nur auf, weil er kostspielig war?  War es ein Fehlkauf, den ich mir nicht eingestehen möchte? Was bedeuten mir Statussymbole, und wo behindern sie mich? Aus welchen Gründen kaufe ich Dinge, die ich eigentlich nicht brauche? Möchte ich mich mit dem Ansammeln von Vorräten vor etwas Unbewusstem schützen?

Loslassen von den oft falschen Vorstellungen gegenüber Besitztümern heißt: Sich davon lösen und akzeptieren, dass es mal war aber, jetzt keine Bedeutung mehr hat. Nicht weiter damit zu hadern und den Blick nach vorne richten und sich bewusst machen: Wir tragen unsere Erinnerungen in uns. Ein Mensch kommt nicht zurück, wenn ich seine Blumenvasensammlung aufhebe, die Erinnerung wird nicht unbedeutender, wenn ich mich von Teilen trenne.

Oft muss Konsum als Ersatz für ungeklärte Emotionen herhalten, zum Beispiel für die Angst vor Mangel. Konsumieren packt das Problem aber nicht an der Wurzel. Der Kick beim Kaufen reicht nur für einen kurzen Moment, dann kommt der Sog des Alltags zurück, dann muss die Dosis erhöht werden, durch den Kauf immer neuer Dinge. Aber wir sind nicht, was wir besitzen, sondern das, was wir denken und fühlen.

Genau deshalb kann das Aufräumen auch unsere Gedanken und Gefühle wieder freier fließen lassen – eine Erfahrung, die alle machen, die mit dem Aufräumen beginnen. Das geht auch in kleinen Schritten: Spontan etwas wegwerfen, verschenken oder verkaufen und die Problemzonen in Schränken, Schubladen und Wohnungsecken nach und nach in Angriff nehmen. Ein verbindlicher Termin und eine Verabredung mit einem befreundeten Menschen, der uns dabei unterstützt, kann helfen. Und bei Neuanschaffungen darüber nachdenken, wie wichtig sie tatsächlich für unsere Zufriedenheit im Alltag sind.

Beitrag von Dagmar Kniffki