Nachdenkliche Frau, Foto: colourbox
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Service - Eine Frage des Charakters

Der eine ist eher fröhlich, unternehmenslustig und gesellig, der andere lieber allein für sich, grübelnd und sich Sorgen um die Zukunft machend - alles eine Frage des Charakters. Doch wie entsteht der? Kommen wir schon mit einer unveränderlichen Persönlichkeit auf die Welt? Oder können wir bestimmte Eigenschaften selbst beeinflussen und verändern?

In ihrem Buch „Charakterfrage“ beschreibt die Psychologieprofessorin Jule Specht die Entwicklung unserer Persönlichkeit und erklärt, wie wir selbst Einfluss auf sie nehmen können. In der Wissenschaft haben sich fünf Eigenschaften durchgesetzt, mit denen sich die Persönlichkeit eines Menschen am besten beschreiben lässt. Die „Big Five“ sind sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner, um die vielen individuellen Ausprägungen einer Persönlichkeit einigermaßen beschreiben zu können. Diese Eigenschaften sind: Emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit gegenüber Neuem, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch diese fünf Persönlichkeitseigenschaften in sich trägt, allerdings in unterschiedlichem Ausmaß.

„Extraversion“ steht dabei für Tatendrang, Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit, Kontaktfreude, anpackend, optimistisch. Typischerweise findet man extravertierte Menschen häufig in Führungspositionen.

Gibt es die geborene Führungspersönlichkeit?

Theoretisch beginnt die Persönlichkeitsentwicklung bereits im Mutterleib. Schon ungeborene Kinder unterscheiden sich voneinander, zum Beispiel wie aktiv sie sind. Die Ursachen dafür sind zum einen genetischer Natur: Zwillingsstudien legen nahe, dass etwa 30-50 % der Unterschiede zwischen Menschen auf ihre Gene zurückzuführen sind.  Des Weiteren wird unser Charakter durch unsere Umgebung und Lebenssituation geprägt. Mit wem wir uns umgeben und mit was wir uns beschäftigen prägt uns ebenso sehr wie unsere Erfahrungen. Bis zum 30. Lebensjahr etwa verändern die meisten von uns sich relativ stark. Im mittleren Erwachsenalter, wenn man seine berufliche Position gefunden und möglicherweise eine Familie gegründet hat, ist die Persönlichkeit eher stabil. Mit dem Renteneintritt folgt dann wieder eine Phase der starken Veränderung. Die Persönlichkeitsentwicklung ist also niemals abgeschlossen. Auch im hohen Alter verändern wir uns noch.

Welchen Einfluss unsere Kindheit und unser Elternhaus auf unsere Persönlichkeit haben, ist schwer zu sagen. Jule Specht vertritt die Auffassung, dass der Einfluss der Kindheit auf die Persönlichkeitsbildung überschätzt wird. Ihrer Meinung nach wird unsere Persönlichkeit stärker davon geprägt, was in der Gegenwart geschieht.

Der Spruch „Was uns nicht umbringt, macht uns härter“ sei dagegen ein Trugschluss. Studien zeigten, dass das Wachsen an Schicksalsschlägen meistens nicht gut funktioniere. Negative Erfahrungen würden eher die emotionale Stabilität senken und die Ängstlichkeit fördern. Die Persönlichkeit entwickele sich also eher in eine Richtung, die nichts mit Persönlichkeitsreifung zu tun hat.

Kann man seine Persönlichkeit selbst ändern?

Eine Möglichkeit ist, sich Situationen zu stellen, von denen man weiß, dass sie die gewünschte Veränderung mit sich bringen. Zum Beispiel werden Menschen, die eine Zeitlang im Ausland leben, offener für Neues. Junge Männer, die Zivildienst leisten, werden verträglicher. Voraussetzung für ein Gelingen ist aber, dass die neue Lebenssituation mit dem starken Druck einhergeht, sich aktiv zu verhalten (anstatt nur passiv zu verharren und zu beobachten.) Man kann sich als introvertierter Mensch zum Beispiel absichtlich einen Job suchen, in dem man immer wieder Vorträge etc. halten muss, um daran zu wachsen. Es ist davon auszugehen, dass man dann mit der Zeit extravertierter wird. Ob man seine Persönlichkeit mit Hilfe eines Coaches „tunen“ und „optimieren“ kann, ist wissenschaftlich noch nicht belegt, zumindest für psychisch gesunde Menschen. Bei Menschen mit psychischen Problemen dagegen bringt eine Psychotherapie dagegen oft eine Veränderung von bestimmten Eigenschaften, vor allem hinsichtlich der emotionalen Stabilität.

Beitrag von Sina Krambeck