Eine Frau mit Mundschutz steht auf dem Bahnsteig eines U-Bahnhofs. (Quelle: Imago Images/ Rolf Kremming)
imago images / Rolf Kremming
Bild: imago images / Rolf Kremming

Service - Wie geht es uns mit Corona - eine Zwischenbilanz

Seit zweieinhalb Monaten leben wir jetzt im Ausnahmezustand. Auf Abstand zu unseren Mitmenschen und Freunden, ohne unsere gewohnten Abläufe. Neben der sozialen Isolation und Vereinsamung kommen bei vielen Menschen finanzielle Sorgen und die Angst vor schweren wirtschaftlichen Folgen hinzu. Und auch wenn viele Einschränkungen inzwischen gelockert wurden: Von einem normalen Leben kann keine Rede sein. Was macht das mit uns als Einzelne, aber auch als Gesellschaft? Wie geht es uns und unserer Psyche momentan?

Auch wenn wir uns inzwischen wohl alle an die Hygiene-Regeln gewöhnt haben, herrscht bei vielen Menschen noch immer Angst und Verunsicherung. Vor allem, weil niemand genau weiß, wie lange die Krise noch andauern wird. Und während die einen erleichtert sind über die zunehmenden Lockerungen, beunruhigt genau das andere. Sie fürchten, dass die Lockerungsmaßnahmen zu schnell getroffen wurden und dass es zu einer zweiten Infektionswelle kommen könnte. Vor allem Menschen, die schon vor der Krise mit psychischen Problemen wie Angstzuständen oder Depressionen zu kämpfen hatten, stresst diese Situation. Aber auch alte Menschen, die allein leben und durch Corona ihre Angehörigen und Freunde nicht mehr treffen können, leiden unter der sozialen Isolation. Für sie ist die Gefahr groß, durch die Vereinsamung in die Depression zu rutschen. Denn wir Menschen sind ja soziale Wesen. Wir brauchen den Austausch und die Gesellschaft der anderen. Ohne das geht es uns auf Dauer nicht gut. „„Social distancing“ verändert uns und tut uns emotional nicht gut“, sagt Prof. Mazda Adli von der Fliedner Klinik Berlin. Er beobachtet bei vielen seiner Patienten, dass es ihnen psychisch schlechter geht, seitdem die Krise begann. Und er rechnet damit, dass es nach Corona mehr Menschen geben wird, die psychische Unterstützung/Therapie brauchen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch Menschen, die dem Corona-Lockdown auch Positives abgewinnen können. Zum Beispiel weil sie jetzt mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen können, weniger Termine haben, der Großstadtstress abgenommen hat und alles etwas ruhiger läuft.

Wie kommt man gut durch die Krise?
Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass es normal ist, Angst zu haben. Ängste sollte man akzeptieren und nicht unterdrücken. „Das ist ganz wichtig, sonst verstärken sie sich“, rät Dr. Adli. Auch Reden helfe, sich mit Freunden/Bekannten auszutauschen: Wie gehen die mit der Situation um? Sich dadurch einen Perspektivwechsel erlauben und sich immer wieder zu sagen: Es wird zu Ende gehen. Außerdem wichtig, um Stress abzubauen: Sich viel bewegen, in die Natur gehen. Und sich coronafreie Zeit verordnen, in der man keine Nachrichten sieht/hört/liest.
Psychisch instabile Menschen, die Hilfe brauchen, finden nach wie vor alle bisherigen Hilfsangebote/Anlaufstellen. In Berlin ist das zum Beispiel der Berliner Krisendienst, der an mehreren Standorten und auch telefonisch erreichbar ist. Die Ärzte und Sozialarbeiter des sozialpsychiatrischen Dienstes der Berliner Bezirksämter bieten Beratung, Hilfevermittlung und Krisenintervention an - sowohl für die Betroffenen selbst als auch für Angehörige, Freunde oder Kollegen. An insgesamt 15 Standorten in allen Berliner Bezirken ist Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr Sprechzeit - auch telefonisch. Unter der zentralen Behörden-Telefonnummer 115 findet eine Vermittlung zum sozialpsychiatrischen Dienst am Wohnort statt.
Auch in vielen Brandenburger Städten und Gemeinden ist der sozialpsychiatrische Dienst eine gute erste Anlaufstelle. Ein bundesweiter Ansprechpartner ist die Telefonseelsorge.

Im Studio-Gespräch: Prof. Mazda Adli, Stressforscher und Psychiater, Leiter der Fliedner Klinik Berlin

Beitrag von Sina Krambeck