Service - Orthorexie: Wenn gesundes Essen krank macht

Orthorexie ist der Name einer Essstörung, die zunächst einmal ganz harmlos anfängt: nämlich damit, sich gesund zu ernähren. Doch in einer Gesellschaft, die geradezu von der Selbstoptimierung besessen ist, kann das auch krankhafte Ausmaße annehmen.

Gast im Studio: Nils Binnberg
Er ist Journalist und war sieben Jahre lang selbst Orthorektiker. Nils Binnberg ist Autor der Buches „Ich habe es satt- Wie uns Ernährungsgurus krank machen“, erschienen bei Suhrkamp

Der Begriff Orthorexie, auch Orthorexia nervosa genannt, stammt aus dem Griechischen für "ortho" (richtig) und "orexis"(Appetit). Er wurde 1997 vom US-amerikanischen Mediziner Steven Bratman eingeführt. Die Orthorexie hat mit der Anorexie gemein, dass Betroffene geradezu besessen von Ernährung und Nahrungsmitteln im Speziellen sind.

Der Unterschied besteht allerdings darin, dass bei der Orthorexie nicht das "Wie viel" im Vordergrund steht, sondern dieQualität der Lebensmittel. Das heißt konkret: Betroffene sind krampfhaft darauf fixiert, nur als gesund geltende Nahrung zu sich zu nehmen.

Orthoretiker sind von ihrer "richtigen" Ernährung so überzeugt, dass sie dieser einen unangemessen hohen Stellenwert einräumen. Ihr Leben dreht sich nur noch um das Studieren von Nährwerttabellen, sie kaufen stets ökologisch korrekt ein und essen nicht mehr auswärts – aus krankhafter Angst vor möglichen Zusatz- beziehungsweise Schadstoffen.

Diese Ernährungsweise kann zwanghafte Züge annehmen, die den Betroffenen auch sozial isolieren kann, denn aus Angst etwas „falsches“ zu essen wird ein Restaurantbesuch oder Essen bei Freunden zum Problem oder komplett vermieden. Das gesamte Leben kreist um die Ernährung, was natürlich bei Orthorektikern viel Energie für andere Lebensbereiche entzieht. Zudem ist das orthorektische Verhalten psychisch belastend, denn die Bertroffenen leiden unter schlechtem Gewissen, wenn sie auch nur einen kleinen Fehltritt begangen haben, die manchmal, etwa im Ausland, nicht vermeidbar sind. Um dieseEssstörung zu überwinden bedarf es oftmals einer Psychotherapie. Gesundheitlichen Gewinn bringt diese Ernährungsweise in den meisten Fällen nicht. Die Blutwerte des Autors, der sieben Jahre lang verschiedenste für vorteilhaft gehaltene Ernährungstrends strikt befolgt hat, besserten sich sogar nachdem er zu einer normalen Nahrungsaufnahme zurückkehrte.

Der Autor kritisiert wie auch namenhafteErnährungswissenschaftler die Studienlage hinsichtlich gesunder und ungesunder Nahrung. Einerseits gibt es zu viele individuelle Faktoren derStudienteilnehmer (genetische Disposition, allgemeine Lebensführung-bzw. Zufriedenheit) die sich auf das Wohlbefinden auswirken, andererseits beruht die Methodik der meisten Studien lediglich auf Befragungen und nicht auf klinischer Methodik.

Essen wird, so der Autor zum Religionsersatz und zur Schaffung moralischer Überlegenheit umfunktioniert. Einer bestimmten Ernährungsweise zu folgen schafft Orientierung in einer unübersichtlichen Welt und der entsprechende Ratgebermarkt versucht „einfache Antworten auf komplexe Fragen“ zu geben.

Die Lebensmittelindustrie dürfte von diesen Trends profitieren, denn die Produktpalette an speziellem teureren Superfood, glutenfreien, laktosefreien Lowcarb Lebensmitteln wird immer größer, die „guten“ Produkte auch kostspieliger.

Beitrag von Ute Müller-Schlomka