Handhalten am Krankenbett (Quelle: imago)
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Service - Tipps zur Pflege von Angehörigen

Die Pflege von Angehörigen ist ein großes Thema in Deutschland. Wenn es so weit ist, herrscht unter den Familienmitgliedern oft große Unsicherheit. Wie stellt man Anträge, wer bekommt finanzielle Hilfe, an wen kann man sich in Problemfällen wenden? Wir klären viele wichtige Fragen rund um die Pflege.


Jeder fünfte Deutsche hat das Seniorenalter erreicht und nicht alle haben das Glück, gesund alt zu werden. Bei vielen stellen sich körperliche Beschwerden oder Krankheiten ein, die ein selbständiges Leben nur schwer möglich machen. Da wird Hilfe gebraucht. Zu Hause – oder wenn  es gar nicht mehr anders geht, in  Pflegeeinrichtungen. Wie aber sieht eine richtige Versorgung aus, wer zahlt für eine professionelle Unterstützung und ab wann ist sie überhaupt möglich? Darauf antwortete im zibb-Studio Gabriele Rähse, Pressesprecherin AOK Nordost.

Zeit ist die eine Seite, die für eine gute Pflege nötig ist. Geld die andere. Die Pflegekassen zahlen nur ab einer Pflegedauer, die länger als sechs Monate beträgt. Dazu muss ein Antrag gestellt werden.  Voraussetzung ist die Höhe des Pflegegrades. Und den ermittelt der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK). Kosten werden allerdings nur ab Pflegegrad 2 übernommen. Wer sich in der Pflegestufe 1 befindet, kann lediglich einige Zuschüsse bekommen, für Umbauten in der Wohnung, für bestimmte Pflegemittel und – Pflegeleistungen. Bei den anderen Pflegestufen wird ein monatlicher Beitrag je nach Höhe des Pflegegrades gezahlt. Doch wie stellt der MDK eine Pflegebedürftigkeit fest?

Bis vor wenigen Monaten wurde alles noch nach dem Aufwand der Pflege begutachtet, also wieviel Zeit braucht eine bestimmte Behandlung. Seit dem 1. Januar diesen Jahres wird vielmehr darauf geachtet, wie fit die betroffene Person noch ist. Also was sie selbst für Tätigkeiten ausüben kann, um im Alltag zu bestehen. Da spielt die Mobilität eine Rolle, die psychische Verfassung, die sozialen Kontakte und auch wie weit sie therapeutische Maßnahmen noch alleine ausführen kann. Wie pflegebedürftig jemand ist, zeigt sich in den fünf Pflegegraden. Je höher der Pflegegrad, desto mehr ist der Mensch in seiner Selbstständigkeit beeinträchtigt und auf Unterstützung angewiesen. Wird die Person zu Hause von Familienangehörigen in Vollzeit betreut, sind diese weiterhin Krankenversichert. Wer ganz sicher gehen will, kann sich zusätzlich über eine Familienversicherung absichern, die keine zusätzlichen Kosten verursacht. Auch zahlen Pflegekassen, wenn nötig,  einen Beitragszuschuss zur freiwilligen Kranken- und Pflegeversicherung. Und nicht zu vergessen: Bei der Pflege eines Angehörigen ist der Helfer unfallversichert. Ebenso werden Beiträge zur Arbeitslosenversicherung weiter gezahlt, sofern zuvor eine arbeitslosenversicherungspflichtige Beschäftigung bestanden hat. Es existiert übrigens während der Pflegezeit auch ein Kündigungsschutz. 12 Wochen vor dem angekündigten Beginn bis zum Ende der Pflegezeit. Pflegende Angehörige können sogar einen Rentenanspruch erwerben. - Aber nur in den Pflegestufen 2 bis 5. Und sofern der Betroffene zu Hause mindestens 10 Stunden pro Woche betreut wird.
Außerdem darf der Angehörige, der die Pflege übernommen hat, nicht mehr als 30 Stunden pro Woche erwerbstätig sein.

Die Höhe des Rentenanspruches richtet sich nach der Pflegestufe. Erkrankt ein Angehöriger plötzlich so schwer, dass er gepflegt werden muss ( nach einem Unfall beispielsweise ), können nahe Verwandte sofort eine Freistellung in ihrem Unternehmen beantragen. 10 Tage schreibt das Pflegezeitgesetz vor. Unter bestimmten Voraussetzungen kann es sogar eine Lohnfortzahlung geben. Das hängt davon ab, ob es in betrieblichen Vereinbarungen beziehungsweise in Tarifverträgen so festgeschrieben wurde. Ansonsten kann ein Pflegeunterstützungsgeld bei der Pflegekasse beantragt werden. Die Auszeit gilt nur für akute Pflegefälle und soll helfen, eine bedarfsgerechte Pflege zu organisieren. Der Beschäftigte muss die kurzzeitige Arbeitsverhinderung dem Arbeitgeber unverzüglich mitteilen. Dessen Zustimmung braucht er allerdings nicht.  Viele Wohnungen sind ja nicht für Pflegebedürftige gebaut. Das heißt: Sie müssen verändert werden.

Vor allem müssen Barrieren verschwinden, die zu Stolperfallen werden können. Dazu zählen Treppen, Stufen aber auch Türschwellen. Und damit die Hilfsbedürftigen möglichst allein die Toilette oder die Badewanne benutzen können, sind Halterungen nötig oder der Einstieg in die Wanne oder Dusche ist zu verändern. Auch der Einbau von Treppenliften ist manchmal erforderlich. Die Pflegekassen zahlen für solche Umbauten bis zu 4.000 Euro pro Maßnahme. Die Summe erhöht sich, wenn mehrere Pflegebedürftige in einer gemeinsamen Wohnung leben. Voraussetzung ist immer, dass dadurch die häusliche Pflege ermöglicht wird oder die Selbständigkeit wiederhergestellt werden kann. Der Zuschuss muss bei der jeweiligen Krankenkasse beantragt werden. Mit einem Kostenvoranschlag des Handwerkers, der die Arbeiten ausführen soll. Es gibt  Pflegestützpunkte, die von Kranken- oder Pflegekassen gemeinsam mit kommunalen Trägern betrieben werden. Sie haben die Aufgabe, neutral zum Thema Pflege zu informieren und zu beraten. In den Pflegestützpunkten wird gemeinsam mit den pflegenden Angehörigen nach Lösungen gesucht, wie der Pflegebedürftige möglichst lange zu Hause wohnen bleiben kann, zum Beispiel mit der Unterstützung eines Pflegedienstes. Die Mitarbeiter der Pflegestützpunkte kennen die Pflegedienste, Betreuungsangebote und ehrenamtliche Strukturen vor Ort, deren Angebote und Preise. Ist die Pflege zu Hause nicht mehr möglich, unterstützen sie bei der Suche nach weiteren Alternativen.

Viele Sozialverbände oder Pflegestützpunkte bieten Kurse an, bei denen man das wichtigste lernen kann. Wie man einen Angehörigen richtig wäscht, im Bett lagert oder welche Nahrung im jeweiligen Fall geeignet ist. Oder welche Medikamente wie und wann verabreicht werden müssen. Neben all diesen praktischen Tipps werden aber auch viele theoretische  Fragen geklärt. Bis hin, ob eine Patientenverfügung sinnvoll ist und wie sie aussieht, wie ein Pflegeantrag gestellt wird, welche Unterstützung die Kassen leisten usw.  Die Kosten für solche Schulungen werden in der Regel von den Krankenkassen übernommen. Angebote finden sich im Internet: Unter dem Stichwort: „Kurse für pflegende Angehörige“ melden sich viele regionale Anbieter. Manche Angehörige können zu Hause nicht mehr betreut werden. Wie findet man dann den richtigen Platz in einem Pflegeheim?

Hier spielen vor allem persönliche Eindrücke eine Rolle: Wäre das ein Ort, wo sich der Betroffene wohlfühlen würde?  Wo man selbst auch das Gefühl hat, dort ist der Angehörige in guten Händen. Bei der Suche sollte man sich nicht nur auf das Internet verlassen, sondern die Heime aufsuchen, um sich einen persönlichen Eindruck zu verschaffen.  Trotzdem ist das Internet eine gute Hilfe. Manche Krankenkassen, wie die AOK, bieten dort spezielle Checklisten an, mit deren Hilfe man sich orientieren kann. Auch der Medizinische Dienst stellt Prüfberichte zur Verfügung. http://www.mdk-pruefung.com/pflegenoten-veroeffentlichung-internet/. Darüber hinaus werden auch Pflegenoten für ambulante Pflegedienste veröffentlicht. Hat man sich für ein Heim entschieden, muss ein Vertrag abgeschlossen werden.

Idealerweise sollte das Heim mit der Krankenkasse des Betreffenden einen Versorgungsvertrag abgeschlossen haben. Außerdem müssen Vertragsbeginn und Kündigungsregelung genau abgefasst sein. Ebenso die Höhe der finanziellen Aufwendungen und der Zusatzkosten. Letztere genau beschrieben und aufgeschlüsselt. Nicht zu vergessen: Die Angaben zum Wohnraum, zur Möblierung, Instandhaltung und Ausstattung. Und auch darauf achten, ob  die Rechte und Pflichten der Angehörigen genau beschrieben sind. Ist solch ein Vertrag abgefasst, sollte man ihn nicht gleich unterschreiben, sondern nochmals in aller Ruhe prüfen. Innerhalb von zwei Wochen kann man ihn widerrufen. Es gibt Alternativen zur Heimunterbringung. Zum Beispiel eine ambulant betreute Wohngruppe. Eine Art WG, in der mehrere pflegebedürftige Personen zusammen leben, aber jeder sein eigenes Zimmer hat. Eine Person kümmert sich dort um alles nötige, um die Hauswirtschaft, um die Betreuung und um die Mahlzeiten, die aber im Idealfall gemeinsam zubereitet werden. Sinn dieses Pflegeangebotes ist, soviel Selbstständigkeit wie möglich zu erhalten und zu fördern. Und natürlich gibt es dafür von den Pflegekassen auch finanzielle Zuschüsse.

Auf eine neue Regelung möchten wir hier noch kurz verweisen, die zwar nicht nur, aber auch die Pflege betrifft:

Seit 1. Oktober sind Krankenhäuser dazu verpflichtet, jedem Patienten ein Entlassmanagement anzubieten. Damit soll eine optimale Anschlussbehandlung garantiert werden. Festgelegt werden darin medizinische beziehungsweise pflegerische Maßnahmen, die nach einer stationären Aufenthalt erforderlich werden. Krankenhausärzte sind nun auch berechtigt, für einen begrenzten Zeitraum unter anderem eine häusliche Krankenpflege zu verordnen, Medikamente in geringen Mengen zu verschreiben und Patienten krankzuschreiben.

Beitrag von Boris Römer