Lustige bunte Pillen und Tabletten (Quelle: Colourbox)
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Service - Antidepressiva - wem sie helfen und wem nicht

In Deutschland erkranken jedes Jahr über fünf Millionen Menschen an einer Depression und viele Betroffene nehmen Antidepressiva. Seit 1990 hat sich die Verschreibung verachtfacht, Tendenz weiter steigend. Doch für wen ist eine Einnahme sinnvoll?

Krankheitsbild Depression
Von einer Depression spricht man, wenn mindestens zwei der drei Hauptsymptome "depressive Stimmung", "Interesse-/Freudlosigkeit" sowie "Antriebsstörung/Energieverlust" über einen längeren Zeitraum vorliegen.

Von einer schweren Depression geht man aus, wenn alle drei Hauptsymptome vorliegen. Die Krankheit ist inzwischen in Deutschland der Hauptgrund für Frühverrentungen.

Studienlage zur Wirksamkeit von Antidepressiva
Mehr als vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen. Die Einnahme von Antidepressiva ist zum Massenphänomen geworden. Seit 1990 hat sich die Zahl der Verschreibungen verachtfacht - trotz zum Teil starker Nebenwirkungen und Zweifeln an der Wirksamkeit der Pillen.

Studien haben gezeigt, dass Antidepressiva oft kaum besser wirken als ein Placebo, also ein Scheinmedikament. Nachweislich lässt sich nur ein Viertel der Wirkung eines Antidepressivums auf einen echten pharmakologischen Effekt zurückführen. Der Rest ist der Placebo-Wirkung (51%) geschuldet und einem natürlichen Heilungsverlauf (24%), d.h. dass Depressionen manchmal von alleine wieder verschwinden.

Bei schweren Depressionen sind Antidepressiva dennoch unverzichtbar. Denn die Medikamente sind sofort verfügbar, anders als eine Psychotherapie, bei der die Wartezeit mitunter ein halbes Jahr beträgt. Bei einer mittelschweren Depression kommt alternativ auch eine Psychotherapie in Frage.

Pharmakologische Wirkung von Antidepressiva im Gehirn
Die Gründe für Depressionen sind vielfältig. Eine Depression entsteht jedoch nicht aufgrund eines verminderten Serotonin- oder Dopaminspiegels im Gehirn. Dennoch können ein erhöhter Serotonin- oder Dopmaminspiegel die Symptome einer Depression lindern.

Und genau dort setzen Antidepressiva an. 30 verschiedene Medikamente gibt es zurzeit am Markt. Alle wirken auf die Nervenbotenstoffe in unserem Gehirn ein. Die einen erhöhen nur die Serotoninkonzentration im Gehirn, andere die Serotonin- und Noradrenalin-Konzentration, wieder andere die Serotonin-, Noradrenalin- und Dopamin-Konzentration.

Aber auch wenn der Serotonin-/Adrenalin-/Dopaminspiegel sofort steigen, wirken Antidepressiva erst nach drei bis vier Wochen, bei älteren Menschen manchmal sogar erst nach sechs Wochen.

Nebenwirkungen von Antidepressiva
Sexuelle Funktionsstörungen sind relativ häufig. Weitere Nebenwirkungen können sein: starke Übelkeit zu Beginn der Behandlung, große Müdigkeit und Gewichtszunahme, Verstärkung der inneren Unruhe.

Manche Antidepressiva können auch Herz-Rhythmus-Störungen oder Blutungen in Magen, Darm und Kopf auslösen, d.h. vor der Verordnung muss überprüft werden, welche Erkrankungen noch vorliegen bzw. welche Medikamente bereits eingenommen werden, bevor ein Antidepressivum verschrieben wird.

Gefahren beim Absetzen von Antidepressiva
Wenn das Antidepressivum anschlägt, sollte man es nach der Gesundung noch sechs bis neun Monate weiter einnehmen, weil in dieser Zeit das Risiko für eine Rückkehr einer Depression sehr hoch ist. Zudem sollte man das Medikament niemals abrupt absetzen, sondern immer langsam ausschleichen lassen. Bei einem Drittel der Patienten kommt es nach dem Absetzen bis zu drei Wochen lang zu Entzugserscheinungen.

Noch problematischer ist der sogenannte "Rebound-Effekt", d.h. dass sich nach dem Absetzen des Medikaments das Risiko für das Auftreten einer besonders schweren Depression erhöht. Wie oft dies auftritt, ist noch nicht hinreichend erforscht.

Was ist, wenn das Antidepressivum gar nicht wirkt?
Zunächst kann der Arzt die Dosis erhöhen oder das Mittel mit einem zweiten Antidepressivum kombinieren. Aber wenn ein Patient auf ein Antidepressivum und vielleicht auch auf ein zweites nicht anspricht, sollte man auf eine weitere medikamentöse Behandlung verzichten und Alternativen wie Gesprächstherapie etc. ausprobieren.

Behandlungsmix bei Depressionen
Wichtig ist, dass die Therapie auf viele Beine gestellt wird. Neben der Gabe von Antidepressiva sollte eine Psychotherapie absolviert werden. Wichtig sind auch eine Änderung der Lebensführung, eine sinnvolle Strukturierung des Alltags, die gezielte Suche nach positiven Erlebnissen, der Besuch von Selbsthilfegruppen, Sport (antidepressiver Effekt ist wissenschaftlich belegt), Bewegung im Freien und das Einhalten des Tag-Nacht- Rhythmus (tagsüber im Bett zu liegen, auch wenn einem danach zumute ist, verschlimmert die Depression). Welche Methode die sinnvollste ist, hängt von Art und Grad der Depression ab.

Beitrag von Gela Braun