Ein muskulöser Mann trinkt Milch im Überfluss (Quelle: Colourbox)
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Service - Wie gesund ist Kuhmilch?

Früher galt Milch als besonders wertvoll, z.B. für gesunde und feste Knochen. Aber das gute Image von Kuhmilch hat Risse bekommen. Viele sehen darin inzwischen eher einen Krankmacher, der zum Beispiel Entzündungen im Körper fördert. Was ist dran an alten Weisheiten und aktueller Kritik? Fünf weitverbreitete Thesen im Faktencheck.

Milch galt früher als Muntermacher, doch mittlerweile wird kontrovers über sie diskutiert: Ist Milch gut für die Knochen oder doch eher ein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Allergien oder Krebs? Fest steht: Milch und Milchprodukte sind in vielen Ländern der Welt wichtig für die tägliche Ernährung und enthalten eine Reihe wichtiger Bestandteile wie Eiweiß, die Vitamin B2 und B12, Calcium, Zink und Jod.

Nach der Geburt bildet Milch die Grundlage der Ernährung für alle Säugetiere, wenn der Verdauungstrakt noch nicht voll entwickelt ist. In den Tagen und Wochen nach der Geburt werden über die Muttermilch zudem Antikörper und Proteine weitergegeben, die das Immunsystem unterstützen.

Veränderungen im Laufe der Evolution ermöglichen es seit mehr als 8.000 Jahren, dass auch erwachsene Menschen artfremde Milch (zum Beispiel Kuhmilch) trinken können. Allerdings ist die Verträglichkeit weltweit unterschiedlich.

Macht Milch starke Knochen und munter?

In Milch und Milchprodukten steckt viel Calcium. Dies ist ein wichtiger Baustoff für den Knochen. Allerdings schützen Milchprodukte nur bedingt vor Osteoporose. Denn der Effekt auf den Knochen hängt davon ab, wann wir in unserem Leben Milch, Joghurt oder Käse zu uns nehmen. Kinder und Jugendliche, die mehr Milch trinken, entwickeln stärkere Knochen als solche, die weniger oder keine Milch trinken - das zeigen Studien. Bei Erwachsenen ist das anders. Ein höherer Verzehr schützt sie nicht vor Knochenschwund und Knochenbrüchen im Alter, denn Osteoporose ist eine komplexe Erkrankung, bei der unter anderem auch Vitamin D eine wichtige Rolle spielt. Eine ausreichende Versorgung ist bei Menschen im höheren Alter häufig nicht gegeben.

Doch auch wenn Milchprodukte ältere Menschen nicht vor Knochenschwund schützen, haben sie einen anderen positiven Effekt. Denn Milch liefert gut verwertbares Eiweiß, das wir zum Muskelerhalt brauchen. Ab 50 Jahren und dann noch mal ab 70 findet ein starker Muskelabbau statt.

Ist Milch schlecht für die Verdauung?

Milchkaffee, Käseauflauf, Schlagsahne - lecker, aber eine Belastung für den Darm. Stimmt dieses weit verbreitete Bauchgefühl? Fakt ist: 10 bis 15 Prozent der Deutschen leiden an Laktoseintoleranz. Das bedeutet, sie können den Milchzucker Laktose nicht verdauen. Deshalb gärt der Milchzucker in ihrem Darm. Die Folge sind Blähungen und Durchfall. Laut einem Report des US National Institute of Health können Menschen, die eine Laktoseintoleranz aufweisen, bis zu zwölf Gramm Laktose (etwa eine Tasse Milch) in einer Portion aufnehmen, ohne dass es zu negativen Auswirkungen kommt. Auch gibt es Forschungsarbeiten, die nahelegen, dass Betroffene durch eine langsame Steigerung des Laktosekonsums diese besser vertragen.

Ein Prozent der Erwachsenen leidet an einer Kuhmilchallergie, verträgt also gar keine Milchprodukte. Und auch Menschen mit einem Reizdarmsyndrom bekommen manchmal Probleme, weil die in der Milch enthaltenen Zuckerarten vergären.

Alle anderen Menschen müssen sich keine Sorgen machen - im Gegenteil: Besonders mit Käse und Joghurt tun sie ihrem Verdauungstrakt etwas Gutes. Denn in denen stecken besonders viele Milchsäurebakterien. Und die fördern die Darmgesundheit.

Begünstigt Milch Entzündungen?

Die Theorie, dass Milch Entzündungen begünstigt, ist gerade sehr aktuell, wissenschaftlich bewiesen ist sie allerdings nicht. Trotzdem spielt die individuelle Verträglichkeit immer eine Rolle: Bei einigen entzündlichen Krankheiten wie Rheuma, Rosazea oder Neurodermitis kann laut Ernährungsmedizinern ein Auslass-Versuch sinnvoll sein, das heißt Kuhmilchprodukte für eine Weile zu reduzieren oder wegzulassen, um zu beobachten, ob es individuell eine Besserung gibt.

Erhöht Milch das Krebsrisiko?

Kuhmilch ist Muttermilch und enthält darum in geringen Mengen Hormone und Wachstumsfaktoren, die bei Mensch und Rind identisch sind. Milchkritiker behaupten deshalb immer wieder, dass Milch auch das Wachstum von Krebs begünstige. Ob Menschen, die viel Milch und Milchprodukte zu sich nehmen, häufiger an Krebs erkranken, haben Forscher in Langzeit-Studien untersucht. Bei Frauen gibt es keine Hinweise, dass Milchverzehr etwa die Entstehung von Brustkrebs fördert. Studien an Männern hingegen zeigen: Wer sehr viel Milch trinkt, also über einen Liter am Tag, hat ein leicht erhöhtes Risiko für Prostatakrebs.

Wichtig zu wissen: Die Hormone und Wachstumsfaktoren in der Kuhmilch haben keinen Effekt auf den Menschen, denn sie werden bereits im Magen zersetzt.

Was ist besser: Fettarme Milch oder Vollmilch?

Lange hieß es unter Medizinern, dass fettarme Milch besser sei als Vollmilch. Denn Vollmilch enthält mehr Kalorien und mehr gesättigtes Fett. Und gerade das erhöhe das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Langzeit-Studien mit vielen Tausend Teilnehmern haben inzwischen aber gezeigt: Menschen, die in üblichen Mengen Vollmilch trinken, haben nicht häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Menschen, die keine Milch trinken.

Und noch eine Annahme ist widerlegt: Das Fett aus der Vollmilch macht nicht dick - im Gegenteil: Vollfette Milch führt nicht zu mehr Gewicht, sondern hilft eher sogar beim Abnehmen. Als Durstlöscher ist Milch allerdings nicht geeignet. Etwa ein Glas Milch und zwei bis drei Scheiben Käse am Tag gelten als sinnvoller Orientierungswert.

Erwachsene können auf Milch verzichten

Milch ist also ein Lebensmittel von vielen, das in normalen Maßen verzehrt den meisten Menschen nicht schadet. Sie ist nur ein Baustein in einer vollwertigen Ernährung. Und Erwachsene brauchen Milch und Milchprodukte nicht zwingend für ihre Gesundheit, wenn ansonsten bewusst auf die Zusammensetzung des Speiseplans geachtet wird. Eiweiß, Kalzium oder Zink kommen in vielen anderen Lebensmitteln vor. Den Jodbedarf kann man zum Beispiel über Fisch oder jodiertes Salz decken. Ohne Fleisch- und Milchprodukte ist allerdings die ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 schwierig.

Wer aus ökologischen oder tierethischen Gründen auf Mich verzichten möchte, kann zu Milchersatzprodukten aus Reis, Hafer oder Soja greifen. Gesünder sind diese Produkte aber nicht. Nur Sojamilch liefert annähernd so viel Eiweiß wie Kuhmilch. Hafer-, Reis- oder Kokosmilch haben dagegen einen sehr geringen Eiweißgehalt. Zudem fehlen Vitamine und Mineralstoffe, diese werden oft zugesetzt.

Beitrag und Text: Anke Christians/NDR