Service - Smartphones überall: Die moderne Epidemie

Das Smartphone hat das Leben von Milliarden Menschen in den letzten zehn Jahren mehr verändert als kaum eine technische Neuerung zuvor. Viele sehen die positiven Seiten, wenige machen sich Gedanken um die negativen Auswirkungen für unser Denken, Fühlen und Handeln, unsere Gesundheit und unsere Gesellschaft.

Wir können es nicht lassen: Das Handy ist unser 24-Std-Begleiter!  Er kann es auch nicht lassen: Der Ulmer Psychiater und Hirn-Forscher Prof. Manfred Spitzer schreibt Bücher über die Auswirkungen der elektronischen Medien auf Menschen. In seinem bereits vierten Buch „Die Smartphone Epidemie“ nimmt er ganz gezielt den Alleskönner Smartphone ins Visier. Wissenschaftlich, schreibgewaltig, mahnend.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Juni 2018 die Computer- und Online-Spielsucht als Krankheit anerkannt. Krankenkassen warnen vor Social-Media-Sucht: 12- bis 1-Jährige in Deutschland verbringen täglich im Schnitt fast drei Stunden in sozialen Netzwerken. Laut einer DAK-Umfrage sind schon 2,6 % der Jugendlichen süchtig nach WhatsApp, Instagram, Snapchat, Facebook und Twitter. Dazu hat sich der körperliche Aktionsradius von Kindern und Jugendlichen innerhalb von 30 Jahren um 90 % verringert. Kurzsichtigkeit grassiert – in Europa betrifft sie inzwischen 30%, in Südkorea bereits über 90% aller Jugendlichen.

Weder deutsche noch internationale Studien konnten bislang einen positiven Einfluss von Computern oder Internetanschluss auf das Lernen an Schulen nachweisen. Eine Analyse der PISA-Daten von mehr als 50 Ländern über zehn Jahre hinweg hat aber klar nachgewiesen: je mehr Geld in einem Land in digitale Infrastruktur (Computer, WLAN im Klassenzimmer) investiert wurde, desto eher haben sich die Leistungen der Schüler in diesem Land verschlechtert. Finnland -  jahrelang PISA-Musterschüler – wurde im Ranking nach hinten durchgereicht und verbannt Computer wieder aus der Schule.

Und was unsere Gesellschaft angeht: Smartphones unterminieren das gegenseitige Vertrauen der Menschen in einer Gesellschaft und die Grundfesten unserer Demokratie. »Die Falschheit ist schon um die halbe Welt, wenn sich die Wahrheit noch die Schuhe anzieht«. So lautete ein Kommentar zu einer im Fachblatt Science im März 2018 publizierten Untersuchung von 126 000 Twitter-Nachrichten, die insgesamt 4,5 Millionen Mal weitergeleitet wurden. YouTube radikalisiert die Weltbevölkerung in einem nie dagewesenen Ausmaß; und Facebook spioniert uns aus, obwohl es dies nach der europäischen Datenschutz-Grundverordnung definitiv nicht darf.        

Das Problem vieler Suchterkrankungen: Nur wenige Betroffene erkennen, wie abhängig sie sind und gehen zum Arzt. Viele Menschen geben zumindest Schwierigkeiten zu, das Smartphone wegzulegen. In der medizinischen Fachliteratur nachgewiesen sind Ängste, Aufmerksamkeitsstörungen, Depression, Bewegungsmangel, Übergewicht, Haltungsschäden, ein verstärktes Suchtverhalten – auch, was Tabak und Alkohol angeht. Durch die Nutzung von Geosocial Networking Apps kommt es zu mehr Gelegenheitssex, was die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten verstärkt. Smartphones sind zudem bei jüngeren Verkehrsteilnehmern Unfallursache Nummer 1 – sie haben den Alkohol also überholt.
Und: Wenn Kinder mit Smartphones und Laptop umgehen können, ist das noch lange keine „Medienkompetenz“. Spitzer sagt: Es gibt keine allgemeine „Fähigkeit zum Googeln“. Wie gut man Suchmaschinen nutzen kann, hängt davon ab, ob man Vorwissen in dem Bereich hat, auf den sich die Suche bezieht. Wie sollen Sie sonst einordnen, ob die Informationen aus der Suche richtig oder falsch sind? Hinzu kommt im Bildungsbereich: Es ist nachgewiesen, dass man weniger lernt, wenn man googelt – verglichen mit dem Lernen aus Büchern. Die Kinder sind unaufmerksamer, wenn sie einen Computer im Klassenzimmer haben. Lehrer können heute nicht mehr die gleichen Klassenarbeiten schreiben wie vor 20 Jahren. 2017 beklagen über hundert deutsche Mathematik-Professoren in einem Brief an die Kultusminister der Länder, dass viele deutsche Abiturienten die Bruch- und Prozentrechnung nicht beherrschen, vom Integrieren und Differenzieren gar nicht zu reden.

Und Spitzer ist unmissverständlich mit seiner Empfehlung: Handyverbot an Schulen - und genau genommen sogar Smartphone ohne Aufsicht erst ab 18 Jahre. Seine jüngste Tochter ist 10 Jahre alt und hat keins!

Nachdem Frankreich ein Handyverbot an Schulen eingeführt hat, wird das Thema auch hierzulande verstärkt diskutiert. In Bayern steht das Handyverbot bereits im Schulgesetz, auch einige Schulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben sich dafür entschieden. Der Psychiater Manfred Spitzer begrüßt das. Mit Büchern, wie "Vorsicht Bildschirm" oder "Cyberkrank", warnt er vor Risiken des digitalisierten Lebens, wie Herzinfarkt und Zuckerkrankheit. Die Dosis macht das Gift. Sagte der Schweizer Mediziner Paracelsus (1493 – 1541)  - die langfristigen ungünstigen Auswirkungen digitaler Informationstechnik auf den Menschen: Haltungsschäden und Übergewicht, Depressionen und Ängste, vermehrte Ablenkung und vermindertes Lernen. An Bildschirmen lernt man weder Handschrift noch Rechtschreibung, weder Kopfrechnen noch Kartenlesen, etwas wollen und in die Tat umsetzen oder sich in andere einzufühlen und die Dinge aus deren Sicht zu betrachten.

Beitrag von Ralph Stolle