Ein junges Paar streitet beim Frühstück. (Bild: Colourbox)

Service - Beziehungen in der Corona-Krise

Das häusliche Zusammenleben führt in Zeiten der Ausgangsbeschränkung häufig zu Konflikten: Ganz ungewohnt arbeiten jetzt Lebenspartner zu Hause und auch die Kinder lernen - statt in der Schule - jetzt mit den Eltern. Der Berliner Paartherapeut und Bestsellerautor Wolfram Zurhorst gibt uns Tipps, wie wir die Gefahrenpunkte erkennen.

Ein Ausnahmezustand, wie wir ihn derzeit erleben, stellt uns alle in allen Lebensbereichen vor große Herausforderungen. Familien sind z.T. dazu verdammt, gemeinsam den ganzen Tag in der Wohnung miteinander zu verbringen. Homeoffice verhindert die übliche Distanz zum privaten Umfeld, auch die Kinder verlassen das Haus nicht, um zur Schule oder in die Kita zu gehen. Daraus erwächst eine enorme Belastung für alle Familienmitglieder und insbesondere für die Partnerschaft.

Berufliche Aufgaben im privaten Umfeld zu erledigen, keine Abgrenzung zwischen Arbeits- und Privatleben erleben zu können, 24 Stunden mit Partner und Kindern zu verbringen kann erschöpfend sein und zu Konflikten führen, sogar zu Gewalt. Die Fälle von häuslicher Gewalt sind deutlich gestiegen. Nicht nur die erzwungene Nähe, auch Unsicherheit, Furcht vor Krankheit/Ansteckung, auch existenzielle Ängste entwickeln eine Dynamik die zu Konflikten und eben auch Gewaltausbrüchen führen kann.Zudem fehlt das ausgleichende Moment, sich mit Freunden, außerhalb der eigenen vier Wände zu treffen, sich auszutauschen, Bestätigung, Verständnis zu erfahren.

Jede Krise birgt aber auch die Chance, die Lebenssituation, die Partnerschaft zu überdenken, eventuell neue Wege einzuschlagen. Paartherapeut Wolfram Zurhorst sieht in der Krise auch eine Chance zur Erneuerung. Seiner Ansicht nach bietet die erzwungene physische Nähe auch die Gelegenheit, sich näher zu kommen als sonst, Gespräche zu führen, für die sonst kaum Zeit ist. Zeit, Alltag gemeinsam zu leben, den anderen neu zu sehen, Zärtlichkeit Raum zu geben.
Auch der Berliner Psychotherapeut Dr.Wolfgang Krüger ist aktuell weiter mit seinen Patienten in Kontakt, online, per Skype. Er rät den Menschen, Paaren unter den aktuellen Bedingungen Folgendes:
1.    Entscheidend für unser Zusammenleben ist immer die eigene Stimmung. Damit sie nicht nur von Angst geprägt ist, sollten wir erkennen: Die jetzige Situation ist eine enorme Belastung. Wir haben Angst um unsere Gesundheit, den Arbeitsplatz, müssen uns einschränken. Aber sie enthält auch eine Chance. Unser bisheriges Leben wurde durch viele Zerstreuungen geprägt, wir reisten viel, hatten viele Abwechslungen und müssen uns nun auf das Wesentliche konzentrieren. Dazu müssen wir kreative Antworten finden, indem wir uns überlegen: Was wollten wir schon immer erreichen: Wir wollten aufräumen, ein Buch schreiben, eine Fremdsprache erlernen, ein Instrument spielen. Dazu ist jetzt Zeit.
2.    Um nicht zu viel Angst zu entwickeln, ist ein strukturierter Tagesablauf wichtig. Also zusammen die Mahlzeiten einnehmen. Und sinnvoll sind gemeinsame Aktivitäten: man kann einander vorlesen und singen und musizieren. Und wir haben wieder Zeit für Gesellschaftsspiele. Diese haben immer eine feste Logik, verlässliche Regeln, die uns in einer Zeit beruhigen, in der es wenig Gewissheiten gibt.
3.    Wir sind in einer Partnerschaft auf einen engen Zusammenhalt angewiesen, auf viel Nähe, Gespräche, Körperkontakt. Die schönsten erotischen Romane sind übrigens in Zeiten der Pest entstanden. Aber wir brauchen auch Rückzugsorte und Distanz, indem sich jeder in seine eigene Welt begibt. Jeder sollte etwas haben, wo er die Welt um sich herum vergisst und wieder zu sich findet. Bücher sind dazu eine wunderbare Möglichkeit.
4.    Wir sollten den Kontakt mit Freunden intensivieren, indem wir telefonieren, uns Briefe schreiben, per Skype kommunizieren. Jetzt haben wir die Zeit, um unsere Beziehungen zu vertiefen, indem wir Freunden drei wichtige Fragen stellen: Wie geht es Euch, welche wichtigen Ziele wolltet ihr im Leben erreichen, wie können wir Euch dabei helfen?
5.    Wir sollten Netzwerke aufbauen, um den Kranken und Hilfsbedürftigen in der Nachbarschaft zu helfen. Jetzt ist Solidarität wichtig, um gemeinsam diese Krise zu überstehen.
6.    Zwangsnähe ist für jede Partnerschaft und Familie eine Herausforderung. Man bemerkt sehr schnell, was uns aneinander stört. Vermeiden Sie jedoch Konfliktgespräche. Jetzt ist humorvolle Toleranz die wichtigste Eigenschaft. Vielleicht gelingt es Ihnen, dass Sie gemeinsam einmal am Tag herzhaft lachen. Kindern gelingt dies sehr gut, indem sie ein Tier nachahmen, einen komischen Dialekt sprechen, auf einem Bein hüpfen oder sich gegenseitig abkitzeln. Oder erinnern Sie sich gemeinsam: Was waren bisher die komischsten Situationen ihres Lebens.
 
 
Gast im Sudio: Wolfram Zurhorst Paartherapeut und Autor

Beitrag von Ute Müller-Schlomka