Ein attraktives Paar in gegenseitiger Berührung (Quelle: Colourbox)
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Service - Die neue sexuelle Revolution

Netzpornos, Hightech-Spielzeuge, Datingportale – Sex hat eine neue Dimension erreicht, allgegenwärtig, jederzeit verfügbar. Und immer mehr Menschen machen davon regen Gebrauch. In den vergangenen 10-15 Jahren hat eine radikale Veränderung unseres Sexlebens stattgefunden.

Die Neurologin und Psychotherapeutin Heike Melzer spricht von einer neuen sexuellen Revolution. Was das für uns bedeutet, hat sie in ihrem Buch „Scharfstellung“ herausgearbeitet. Bei zibb gibt sie uns einen kleinen Einblick in dieses neue Zeitalter:

Was sind die Unterschiede der alten sexuellen Revolution und der neuen sexuellen Revolution?

Die drei Dimensionen von Sex sind: Fortpflanzung, Liebe und Triebe.
In der sexuellen Revolution vor gut 50 Jahren, da hat sich die Fortpflanzung von der Sexualität entkoppelt, durch die Einführung der Pille und Straffreiheit von Abtreibung. Kinder waren planbar.
Heute entkoppeln sich die Triebe, und zwar durch einen enormen Sog nach draußen. Sex ist ein allgegenwärtiges Konsumprodukt, und geht oftmals immer besser auch ohne Partner, zumindest ohne verbindlichen Partner.

Was sind die größten Neuerungen?

Sexuelle Reize werden immer stärker und stehen rund um die Uhr zur Verfügung: Pornos laufen in den abenteuerlichsten Genres, mittlerweile in VR-Welten in 3-D und mit interaktiven Sex-Toys sogar in 4-D Welten. Unverbindliche, käufliche oder virtuelle Sexpartner lassen sich einfach über Apps und Portale finden.

Ist denn diese neue sexuelle Revolution schlecht?

Nein per se nicht, sie entlässt uns jedoch in eine neue Freiheit, mit der wir erst lernen müssen umzugehen.

Welche Beobachtungen machen Sie in Ihrem Praxisalltag, was hat sich geändert?

Ich sehe drei große Veränderungen:
1.: Alte sexuelle Funktionsstörungen im neuen Gewand: eine rasante Zunahme von Potenzstörungen bei jungen Männern. Zu Pornos geht alles prima, beim Partner nichts mehr. Kamen früher Männer mit vorzeitigem Samenerguss, so ist heute die Orgasmushemmung paradoxerweise im „Kommen“ und waren früher die Frauen lustlos in der Partnerschaft, so emanzipieren sich heute die Männer. Sie sind allerdings nicht generell lustlos sondern partnerbezogen.

2.: Qualitative Veränderungen: die Vorlieben verschieben sich immer mehr zum Extremen. Was früher Hard Core war, ist heute Blümchensex. Spezielle außergewöhnliche Praktiken wie Voyeurismus, Exhibitionismus, Fetischismus und BDSM sind heute Kulturgut. Mittig in der Bevölkerung angekommen, nichts Außergewöhnliches mehr.

Und 3.: Quantitative Veränderungen: Die Schere zwischen den Unberührten, die sich mit starken sexuellen Reizen im Netz versorgen und denen, die sich ruhe- und rastlos von einem Bett zum anderen tindern und mit 25 Jahren schon über 100 Partner haben, geht immer weiter auseinander. Zwanghafte sexuelle Störungen nehmen zu, es gibt immer mehr Menschen die den Ausschalter nicht mehr finden.

Was bedeutet das für eine Partnerschaft?

Das Smartphone bietet immer häufiger Sprengstoff für Beziehungen. Dabei ist der Begriff der Treue unklarer als je zuvor. Wir können heute Sex mit anderen haben und treu sein, wir müssen es halt vorher abgesprochen haben. Wir können aber auch mit dem Partner zusammen im Bett liegen und ihn Online betrügen. Dabei verschiebt sich der Treubegriff von dem „ich bin dir treu“ hin zu „ich bin mir treu“. Probleme sind da durchaus vorprogrammiert.

Wann spricht man von Sexsucht/Pornosucht? Was passiert da neurologisch?

Wie bei anderen Süchten findet sich eine obsessive Beschäftigung mit sexuellen Fantasien, Toleranzentwicklung, Dosissteigerung bis zum Kontrollverlust. Das läuft alles über Jahre verdeckt. Die Klienten kommen zu mir aus fünf Gründen: Der Partner kündigt auf, Probleme auf der Arbeit, gesundheitliche oder finanzielle Probleme oder Konflikte mit dem Gesetz. Klassischerweise konsumiert der Süchtige, um schlechte Gefühle wegzubekommen. So wie der Alkoholiker trinkt, sucht der Sex- oder Pornosüchtige den nächsten Kick.

Wie viele Sexsüchtige gibt es?

Man schätzt, dass es in Deutschland nach konservativen Schätzungen eine halbe Million Sexsüchtige gibt, dazu kommen die vielen indirekt betroffenen Partner und Familienangehörige. Die WHO hat seit letztem Jahr zwanghafte sexuelle Störungen als psychische Diagnose anerkannt, dies ist ein wichtiger Schritt um hier weiter zu forschen.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Wichtig ist es, sich mit dem Thema frühzeitig zu beschäftigen und sich Wissen anzueignen, um Frühsymptome zu erkennen und erfolgreich gegenzusteuern. Dabei ist es hilfreich, auf sexuelle Superreize wie Pornos, Sex-Toys und ständig wechselnde Partner für einige Wochen bis Monate vollständig zu verzichten, um wieder rezeptiver für natürliche Reize zu werden. Der Austausch in Selbsthilfegruppen z.B. bei den „Anonymen Sexsüchtigen“ und „SLAA“ können bei dem Vorhaben unterstützen. Das Portal www.reboot-me wird mit einem umfassenden Online-Training dieses Jahr starten, aktuell kann man sich kostenlos hierfür registrieren. In hartnäckigen Fällen und bei fortgeschrittener Sucht ist eine ambulante oder stationäre Therapie der richtige Schritt, um die Ursachen grundlegend anzugehen.

Auch Kinder und Jugendliche werden damit konfrontiert, dass Sex allgegenwärtig ist. Welche Rolle haben Schule und Eltern da überhaupt noch bei der Aufklärung?

Den Eltern und der Schule kommt hier eine wichtige Rolle zu, auch um die Kinder zu schützen. Im besten Falle sollten die Gespräche bereits vor der Pubertät stattfinden, denn in der Pubertät hören die Kinder nur noch begrenzt zu. Dazu gehört es, dass Eltern sich selber über ihre eigene Sexualität schlau machen. Wenn das Umfeld sich verändert, dann verändert sich auch die Beziehung. Wie ist der eigene Pornokonsum innerhalb der Partnerschaft? Wie hat sich die Treue innerhalb der Beziehung gewandelt? Eltern wirken als Modell, auch beim Thema Smartphone-Verhalten. Es ist nicht das eine große Gespräch, sondern eher eine Vielzahl von kleinen Gesprächen am Rande, vertrauenswürdig, offen und nicht stigmatisierend. Es sollte Chancen, aber auch Risiken fundiert thematisieren.

Ihr Fazit: wie sollten wir am besten umgehen mit diesem neuen sexuellen Zeitalter?

Sex ist ein Genussmittel und keine Allzweckwaffe zur Vertreibung von schlechten Gefühlen. In dem Zeitalter wo Sex auf Knopfdruck parat steht ist es wichtig sich abzugrenzen. Dabei ist Wissen ungemein hilfreich, denn es ist die Voraussetzung um sein Verhalten zu steuern. Qualität geht vor Quantität. Gerade heute kommt in Beziehungen dem „Nein“ der Abgrenzung eine ganz besondere Rolle zu, um sich rezeptiv für natürliche Reize zu halten. Darum: ab und an mal die Pornos beiseitelassen, die Sex-Toys in der Schublade und sich überlegen, ob der nächste Casual-Sex wirklich nötig ist. Sprechen Sie offen in der Partnerschaft und Familie über das Thema Pornografie und Treue, dies auch wenn sie bereits viele Jahre in einer verbindlichen Beziehung sind.

Beitrag von Susanne Stein