Wartende Passagiere, Paar, vor der Anzeigetafel mit annulierten Flügen, Quelle: imago/Jan Hübner
imago/Jan Hübner
Bild: imago/Jan Hübner

Service - Rechte bei Flugausfall

Streik, Überbuchung, Wetterchaos – es kann viele Gründe für Verspätungen oder gar einen Flugausfall geben. Der Kunde ist der Fluggesellschaft jedoch nicht schutzlos ausgeliefert. Was dabei besonders zu beachten ist, erklärt Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des Verbraucherportals "Finanztip".

Bei solch einem Wetter in den Urlaub starten? Das ist  schlecht, denn es kann zu erheblichen Verspätungen kommen, weil der Flieger am Boden bleiben muss. Oder Arbeitskämpfe machen einen pünktlichen Abflug unmöglich. Auch eine Insolvenz kann den Flugbetrieb beeinträchtigen. Und nichts Ungewöhnliches sind defekte Maschinen, die erst repariert werden müssen.

In solchen Fällen haben Fluggäste Anspruch auf Entschädigung. Das schreibt die Fluggastrechteverordnung so vor, ein 12 Seiten umfassendes Papier, das am 11. Februar 2004 vom Europäischen Parlament und vom Europäischen Rat verabschiedet wurde. Unter der Nr. 261/2004.

Die Staaten regeln darin gemeinsam, welche Ausgleichs- und Unterstützungsleistungen für Fluggäste im Fall der Nichtbeförderung und bei Annullierung oder großer Verspätung zu leisten sind. Diese Verordnung ist im Internet leicht zu finden. Außerdem existieren einige Gerichtsurteile vom Europäischen Gerichtshof, die den Verbraucherschutz in dieser Angelegenheit gestärkt haben. Auch bei einer Flugverspätung!


Voraussetzung ist, dass der Flughafen, von dem Sie starten bzw. auf dem Sie landen sich innerhalb der EU befindet, mit Ausnahme von Gibraltar, dessen staatliche Zugehörigkeit immer noch umstritten ist. Wer außerhalb der EU startet, muss mit einer Fluggesellschaft reisen, die ihren Sitz in der EU hat.

Fliegen Sie mit einer Chinesischen Airline von Kairo nach Peking und kommen verspätet an, können Sie keine Rechte einklagen und müssen sich an die jeweilige Fluglinie wenden und auf deren Entgegenkommen hoffen.

Und nicht bei jeder Verspätung gibt es eine Entschädigung. Erst ab einem Zeitraum von über drei Stunden hat man einen Anspruch darauf. Egal ob es sich dabei um einen Linien- oder einen Charterflug handelt. Sogar bei einer Pauschalreise hat man ein Recht darauf. Dieser Anspruch erlischt erst nach drei Jahren.

Die Ansprüche richten sich nicht nach dem Ticketpreis, sondern nach der Entfernung. Für die Kurzstrecke bis 1500 Kilometer sind es 250 Euro. Für die Mittelstrecke bis 3500 Kilometer 400 Euro und für die Langstrecke ab 3500 Kilometer 600 Euro. Zahlungen in dieser Größenordnung müssen auch bei einem Ausfall des Fluges gezahlt werden. Auf dem gemeinnützigen Internet-Portal „Finanztip“ lassen sich mit Hilfe eines speziellen Rechners die Ansprüche schnell ermitteln.

Bekomme ich außerdem das Geld für mein Ticket zurück? Erst bei einer Wartezeit von über fünf Stunden. Die Fluggesellschaft muss diese Kosten innerhalb von sieben Tagen erstatten. Ob Sie dann noch den verspäteten Flug antreten wollen, ist allein Ihre Entscheidung.

Ob es eine Betreuung am Flughafen gibt hängt wieder davon ab, welche Entfernung zurückgelegt wird. Bei der Kurzstrecke reichen schon zwei Stunden Wartezeit. Hier hat der Passagier Anspruch auf Snacks und Getränke sowie auf die Erstattung von Telefonkosten. Bei einem Mittelstreckenflug bis 3500 Kilometer muss eine Wartezeit von drei Stunden eingetreten sein, bei Langstrecken sind es 4 Stunden.

Air Berlin hat Insolvenz angemeldet. Mit der Ankündigung gehört jedes Ticket jetzt schon zu Insolvenzmasse. Solange Air Berlin fliegt, bekommen Sie Ihre Leistung. Bleibt die Airline am Boden, ist sie bankrott, und dann ist der Ticketinhaber ein Gläubiger unter vielen, die ihr Geld zurückverlangen können.

Doch das geht der Reihe nach: Erst kommen die Großen, dann die Kleinen. Und ob es am Ende für alle reicht, ist die Frage. Für alle, die jetzt schon Ansprüche gegen Air Berlin gestellt haben, wegen ausgefallener oder verspäteter Flüge, gilt das gleiche: Auch die Entschädigungen gegenüber Air Berlin wegen vergangener Fehlleistungen gehören nun zur Insolvenzmasse.

Der Fluggast wird Gläubiger und muss dann  seine Forderungen durchsetzen. Die Fluggastverordnung regelt, dass der Passagier Ansprüche gegen die Airline erheben kann. Ist die Airline pleite, regelt alles andere das Insolvenzverfahren.


Wenn im normalen Flugbetrieb der Flug gestrichen wird, kann sich der Passagier den Ticketpreis ersetzen oder einen anderen Flug buchen lassen, immer unter der Voraussetzung, dass ein EU-Land angeflogen wird oder man von dort aus startet, bzw. die Airline ihren Sitz innerhalb der EU hat.

Natürlich müssen sich die Fluggesellschaften dann auch um den Passagier am Flughafen kümmern, also Mahlzeiten, Getränke, Telefonate und auch Übernachtungen bezahlen. Und man hat ein Recht auf eine Entschädigung. Die Höhe liegt zwischen 125 Euro und 600 Euro und hängt davon ab, wann Sie über den Flugausfall informiert worden sind.

Sind es zwei Wochen vorher, gibt es keine Entschädigung. Bei kurzfristigen Absagen muss die Airline einen Ersatzflug anbieten. Mit welcher Verspätung zum ursprünglichen Termin er dann den Zielort erreicht, daraus errechnet sich der Entschädigungsbetrag. Auch dafür kann man den Finanztip-Rechner nutzen. Außerdem finden sich dort auch Musterbriefe, um seine Ansprüche anzumelden. /www.finanztip.de/fluggastrecht/

Viele Fluggesellschaften wollen natürlich nicht in jedem Falle Zahlen und berufen sich auf „außergewöhnliche Umstände“. Dazu gehören schlechte Wetterbedingungen, Notlandungen wegen eines medizinischen Falles, Streiks, die Gefahr von Terroranschlägen, Kriege oder Naturkatastrophen.

Solche Ereignisse kann die Fluggesellschaft natürlich nicht beeinflussen, und man kann sie deshalb auch nicht dafür verantwortlich machen. Der Passagier muss hier Verspätungen und Flugausfälle in Kauf nehmen.

Wird allerdings ein Flug verschoben, weil ein Pilot erkrankt ist, oder die Maschine erst repariert werden muss, dann sind das keine außergewöhnlichen Umstände. Immer öfter hört man davon, dass Passagiere  mit einem gültigen Ticket zurückgewiesen werden, weil die Maschine überbucht ist. Auch da sind Entschädigungen fällig.

 
Dem Fluggast muss eine andere Beförderung angeboten werden, ansonsten ist der Reisepreis in voller Höhe zu erstatten. Bei eventuellen Wartezeiten sind Betreuungsleistungen zu erbringen bis hin zu Hotelübernachtungen. Natürlich kann der Kunde auch eine Entschädigung erwarten.

Die richtet sich ebenfalls nach der Länge der Flugstrecke. Viele Fluggesellschaften handeln aber mit dem Betroffenen und versuchen ihn mit Bargeld oder Gutscheinen zu einer freiwilligen Nichtbeförderung zu bewegen. Wer sich darauf einlässt, hat es dann sehr schwer, eine Entschädigung zu erstreiten.


Es gibt Portale, die die Rechte der Fluggäste durchsetzen. Finanztip hat 10 solcher Anbieter untersucht und würde fünf davon empfehlen, und zwar EUClaim, Fairplane, flug-verspaetet.de, refund.me und Fligtright.

Sie unterscheiden sich in Detailfragen - zum Beispiel in der Höhe der Provisionen oder bei Zusatzkosten. Sie stellen für den Kunden die Forderungen an die jeweilige Fluggesellschaft und erstreiten diese auch vor Gericht. Bei einem negativen Ausgang des Verfahrens tragen einige Portale das Risiko selbst, also dem Kunden entstehen keine Kosten.

Der Vorteil: Man muss sich nicht kümmern und bekommt einen Teil seiner Ansprüche überwiesen. Wer nicht solange warten will, bis die Flughelfer die Ansprüche durchgesetzt haben, hat noch eine Alternative.


Es gibt Firmen, die die Entschädigungs-Ansprüche der Fluggäste kaufen. Dabei bekommen die Betroffenen sofort das Geld ausbezahlt, allerdings mit einem höheren Abschlag. Der kann bis zu 40 Prozent betragen. Natürlich werden zuvor die Ansprüche geprüft und erst dann wird ein Angebot unterbreitet. Das kann ein bis zwei Tage dauern.

Mit der Überweisung des Geldes ist das Geschäft abgeschlossen. Das Risiko liegt bei der Firma, egal ob sie die Entschädigungsleistungen erstreiten kann oder nicht. Wir empfehlen hier das Portal EUClaim. Hilfe gibt es unter einigen Voraussetzungen auch von der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr.

 
Das ist eine von der Bundesregierung und der Europäischen Kommission anerkannte Einrichtung, die in fast allen übertragenden Fällen eine Einigung erzielen konnte. Allerdings muss sich der Passagier zunächst selbst um eine Entschädigung bei der betreffenden Airline gekümmert haben. Erst, wenn diese den Anspruch ablehnt, kann die SÖP-Schlichtungsstelle angerufen werden.

Hier prüfen dann Fachleute , ob zurecht der Anspruch besteht und schlagen eine Ausgleichszahlung vor.  Gezahlt wird erst, wenn beide Seiten dem Spruch zustimmen. Das alles kann eine längere Zeit dauern, das Verfahren ist aber für den Kunden kostenlos.

Beitrag von Boris Römer