Service - Bagatellunfall - was tun?

Der Begriff "Bagatellunfall" verleitet dazu, ihn bei der Schadenregulierung zu vernachlässigen. Das kann sich schnell rächen. Denn es muss verkehrs-, versicherungs- und sogar strafrechtlich einiges beachtet werden, um die vermeintliche Bagatelle nicht zur teuren Falle werden zu lassen. 

Hinter dem Begriff Bagatellunfall steckt eine Unfallvariante ohne Personenschaden und mit nicht bedeutendem Sachschaden von max. 1 300 €/Fahrzeug. Ein Großteil der Bagatellunfälle stellen die sogenannten Parkplatzrempler.

Nach dem Unfall ist folgendes konsequent zu tun:

- Den Unfallort absichern (Warnblink, Warndreieck, Warnwesten)
- Die Unfallbeteiligten tauschen persönliche Daten, die der Autos und ihrer   
  Versicherungen aus, an die zeitnah die Unfallmeldung gehen
- Die Unfallkonstellation und die Schäden werden fotografisch festgehalten.
- Für das Erfassen der Angaben empfiehlt sich, ein Standard-Unfallbericht, zumal dieser von
  den Versicherungen meist auch noch abgefordert wird
- Rechtsanwalte weisen darauf hin, weder mündlich noch schriftlich ein
  Schuldeingeständnis abzugeben
- Sind die Unfallkonstellation und die Schäden eines Bagatellunfalles festgehalten, müssen  
  die Fahrzeuge von der Fahrbahn genommen werden, um eine dauerhafte Behinderung des   
  Straßenverkehrs zu vermeiden. Geschieht dies nicht, können Bußgelder verhängt werden.

Tauschen die  Beteiligten bei einem Unfall mit „nicht bedeutendem Sachschaden“ ihre Daten problemlos aus, ist es nicht notwendig die Polizei vor Ort zu holen. Die wird dann sogar dankbar sein, nicht von Wichtigerem abgehalten worden zu sein. Dagegen ist auch bei einem Bagatellunfall die Polizei vor Ort zu holen, verweigert ein Beteiligter den Datenaustausch oder liegt der Verdacht nahe, dass Alkohol oder Drogen im Unfallspiel beteiligt sind.

Egal wie hoch der Schaden ist, die Versicherungen stufen einen in den Schadenfreiheitsklassen (SF) zurück und somit beim Beitragssatz satt nach oben. Denn es geht nicht nur um eine Stufe mit den Prozenten des Beitrags nach oben, sondern gleich mehrere. Der durch oft jahrelang unfallfreies Fahren erworbene günstige Prozentsatz des Beitrags ist dahin. Es sind mehrere Jahre deutlich höhere Beiträge zu zahlen bis durch unfallfreies Fahren wieder der einstige, günstige Beitragssatz erreicht ist. Diese Mehrbeiträge könne sich schnell auf mehrere tausend Euro summieren.

Beispiel: Der Versicherte hat in Haftpflicht vor dem Unfall die Schadenfreiheitsklasse SF 9 erreicht und damit einen Beitragssatz von 45% . Das bedeutet für ihn 500 €/Jahr. Nach dem Unfall wird er um 6 SF zurückgestuft, in SF 3 mit einem Beitragssatz von 70% .  Das bedeutet, er benötigt wieder sechs unfallfreie Jahre, um wieder in SF 9 zu landen und startet bis dahin mit einem Beitrag in Haftpflicht von 778 €. Deshalb empfiehlt es sich gerade im Zusammenhang mit überschaubaren Schadenssummen zu überlegen, bei der Versicherung einen Schadenrückkauf vorzunehmen. Sprich den Schaden selbst zu bezahlen.

Eine andere Variante um im Unfallfalle eine Rückstufung zu vermeiden, ist der Rabattschutz gegen Aufpreis  innerhalb des Versicherungspolice. Zwar beträgt der Aufpreis im Schnitt 20% des Beitragssatzes, für unseren Beispiel Versicherungsnehmer mit 500 € Beitrag in Haftpflicht immerhin 100 €, ist aber viel günstiger als ein jahrelanger deutlich höherer Beitragssatz nach Unfall und erhält die günstige Schadenfreihietsklasse. Bleibt zu berücksichtigen, dass dieser erkaufte „Freischuss“ nur einmal pro Jahr gilt und dass er den Versicherungswechsel erschwert. Denn nach Kündigung wird die neue Versicherung den Rabattschutz bei der vorherigen Versicherung nicht anerkennen, sondern einen Unfall mit einer Rückstufung der Schadenfreiheitsklasse berücksichtigen. Von dieser aus kann dann wieder ein neuer Rabattschutz vereinbart werden.

Gerade im Zusammenhang mit Parkplatzremplern kommt es immer wieder zu ungewollter Fahrerflucht. Das ist eine Straftat, die im Juristendeutsch „unerlaubtes Entfernen vom Unfallort“ genannt und nach §142 StGB geahndet wird.
Der Hintergrund für die ungewollte Fahrerflucht: Nach dem Bumser gegen ein geparktes Auto wird in Zeitnot ein Zettel mit den persönlichen Daten des Schädigers hinter den Scheibenwischer geklemmt, um Verzeihung und um einen Anruf unter der angegebenen Nummer gebeten. Eine Notlösung, aber doch ausreichend, um sich als Schädiger zu stellen ?
Laienhaft verständlich, aber praktisch falsch, weil rechtlich nicht anerkannt. Der Schädiger ist verpflichtet, persönlich Kontakt zum Geschädigten aufzunehmen. Ist dies nicht möglich, hilft nur, die Polizei zur Unfallaufnahme vor Ort zu holen oder bei der nächsten Polizeistation eine Selbstanzeige vorzunehmen. Dafür bleiben 24 Stunden nach dem Unfall Zeit, aber nur dann, passierte der Unfall nicht im fließenden Verkehr, also als typischer Parkplatzrempler. Geschieht dies nicht, ist eine Straftat gegeben, die mit 3 bis 6 Monaten Fahrverbot, 3 Flensburgpunkten und einer satten Geldstrafe nach Tagessätzen geahndet wird. Genauso als hätte man den Unfallort ohne eine Meldung fluchtartig verlassen. Hier noch ein statistischer Hinweis: In 9 von 10 solcher Fälle gibt es immer mindestens einen Zeugen der Missetat.    

Beitrag von Reinhard Rychlik, rbb-Verkehrsexperte