Symbolbild: Daten- und Netzwerkkabel an Internetserver (Quelle: dpa)
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Service - Die ökologischen Kosten der Digitalisierung

Die Digitalisierung hat mittlerweile fast sämtliche Bereiche unseres Lebens erobert. Unser Alltag ist ohne Smartphone und Internet kaum mehr vorstellbar. Neun von zehn Deutschen sind heute aktive Internetnutzer. Doch welche Auswirkungen die immer weiter fortschreitende Digitalisierung für die Umwelt hat, ist den meisten Menschen nicht bewusst.

So brauchen die Server, auf denen die ständig wachsende Datenmenge liegt, Unmengen an Strom. Vor allem das Streamen von Videos und Musik frisst Ressourcen. Wäre das Internet ein Land, käme es Untersuchungen zufolge beim Stromverbrauch gleich hinter China und den USA. Laut New York Times verbrauchen allein die Rechenzentren von Google so viel Strom wie eine Zweihunderttausend-Einwohner-Stadt. Gleichzeitig birgt die Digitalisierung auch viel Potential für eine nachhaltige Anwendung.

In seinem Buch "Smarte grüne Welt?" geht Tilman Santarius, Professor an der TU Berlin und Leiter der Forschungsgruppe zum Thema "Digitalisierung und Nachhaltigkeit" der Frage nach, welche Chancen und Risiken die neue digitale Welt enthält.

E-Book-Reader oder "analoges" Buch?

Auf den ersten Blick könnte man denken, dass die Digitalisierung enorm viele Ressourcen einspart, zum Beispiel Papier in Verwaltungen oder das Papier für Bücher, wenn immer mehr Menschen E-Reader benutzen.

Bilder aus der Werbung suggerieren, dass die Herstellung von Büchern verzichtbar wird, wenn wir uns nur einen kleinen, schlanken E-Book-Reader anschaffen. Das Fällen der Bäume, die fürs Papier dran glauben müssen, die Chemikalien für Druckfarbe, Einband und Bindung, der Energie- und Ressourcenverbrauch bei Logistik und Handel und nicht zuletzt die Fahrt zum Buchladen oder der Transport durch den Onlinehändler zur Haustüre – das alles fällt weg. Allerdings ist die Herstellung von elektronischen Geräten um ein Vielfaches energie- und ressourcenintensiver (seltene Erden, nicht erneuerbare Metalle, Wasser etc.) als der Druck eines einzelnen Buches.

Trotzdem kann es sein, dass der E-Reader besser abschneidet als das Buch. Das hängt von zwei Faktoren ab: Wie viele Bücher werden auf dem E-Reader über seine Lebensdauer gelesen und wie viele Personen teilen sich ein "analoges" Buch?

"Damit sich die hohen Umweltkosten der Herstellung des Readers ökologisch amortisieren, muss eine bestimmte Anzahl von Büchern auf einem E-Reader gelesen werden. Dies ist nach 30 bis 60 Büchern der Fall – je nach Dicke des Buchs und je nach Umweltindikator. Liest man also weniger als diese Anzahl an Büchern auf dem Reader, ist es besser, die Papierform zu wählen.", schreibt Tilman Santarius in seinem Buch.

Auch beim Vergleich "Film streamen oder DVD aus Videothek ausleihen" kommt es darauf an, ob man die DVD aus der Videothek mit dem Auto oder dem Fahrrad abholt. Und beim Streaming kommt noch der so genannte Rebound-Effekt hinzu: Effizienzgewinne neuer Technologien werden durch Übernutzung zunichte gemacht. Allein auf das Streaming von Musik und Videos entfallen rund 70 Prozent des weltweiten Datenverkehrs. Tendenz steigend. Das heißt, wenn man sich früher vielleicht einen Film pro Woche ausgeliehen hat, sind es durch das jederzeit verfügbare Streamen heute vielleicht sechs oder sieben Filme pro Woche.

Auch in anderen Konsumbereichen (Stichwort Online-Shopping) regt die Digitalisierung den Konsum und damit den Ressourcenverbrauch an.

Digitalisierung im Bereich Verkehr und Mobilität

In diesem Bereich erhoffen sich viele durch die Digitalisierung mehr Nachhaltigkeit und ganz so einfach ist es offensichtlich nicht. So zeigen Studien, dass dreiviertel aller Nutzer von so genannten "free floating carsharing Autos" (also Autos, die man per Smartphone überall in der Stadt buchen und nach der Fahrt in einer beliebigen Parkbucht wieder abstellen kann) mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad gefahren wären, hätte es kein carsharing-Angebot gegeben.

E-Books statt der Fahrt zur Buchhandlung; Streaming von Filmen statt Kaufen oder Leihen von DVDs;  Onlineshopping statt Einkaufen mit dem privaten Pkw; Videokonferenzen statt dem Flug zum Meeting in Übersee – das alles findet längst statt und müsste das Verkehrsaufkommen doch eigentlich verringern. Doch weder in Deutschland noch anderswo ist das Verkehrsaufkommen gesunken, sondern immer weiter angestiegen.

Nachhaltiger Umgang mit digitalen Anwendungen

Wenn man will, kann man die Digitalisierung dafür nutzen, nachhaltiger und achtsamer zu konsumieren. Möglichkeiten dazu gibt es zuhauf, zum Beispiel Onlinebörsen wie eBay Kleinanzeigen oder reBuy, auf denen man gebrauchte Waren erwerben oder verkaufen oder verschenken kann. Bei Kleiderkreisel kann man gebrauchte Kleidung verkaufen oder kaufen und über Freecycle alles Mögliche verschenken und tauschen. Es gibt Smart Home Anwendungen, um die Heizung runterzuregeln, sobald man das Haus verlässt, Sharing- Apps wie z. B. Foodsharing, bei denen man Lebensmittel nutzt, die sonst weggeschmissen würden; Apps für Mitfahrangebote etc.

Seit ein paar Jahren gibt es Suchmaschinen, die damit werben, die Umwelt zu schützen. Ecosia zum Beispiel nutzt Suchanfragen, um Bäume zu pflanzen. Mindestens 80 Prozent der Gewinne spendet das Unternehmen an Baumpflanzprojekte. Darüber hinaus nutzt Ecosia nach eigenen Angaben nur Server, die zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden.

Goodsearch spendet pro Suchanfrage einen Cent an gemeinnützige Organisationen. Für welche genau können die Nutzer selbst entscheiden.

Wie kommerzielle Suchmaschinen auch finanzieren sich Goodsearch und Ecosia durch Werbung.

Jede Suchanfrage verbraucht hier genauso viel Strom wie bei Google und Co. Aber durch Spenden an Umweltschutzprojekte wird das immerhin ausgeglichen.

Beitrag von Sina Krambeck