Buchcover: Nova Meierhenrich: Wenn Liebe nicht reicht

Zu Gast - Moderatorin Nova Meierhenrich

In ihrem Bestseller "Wenn Liebe nicht reicht" beschreibt Nova Meierhenrich, wie sehr die Depression ihres Vaters sie selbst und die Familie in einen Strudel aus Verzweiflung und Schuldgefühlen zog. Bei zibb erzählt sie von ihren Erfahrungen.  

Der Tod des Vaters war ein Schock für Nova Meierhenrich - 18 Jahre hatte der Vater an Depressionen gelitten, 2011 nahm er sich das Leben.

Die Erkrankung des Vaters hatte schleichend mit einer beruflichen Krise begonnen: Als 1993 seine Firma unverschuldet in Konkurs ging, warf ihn das völlig aus der Bahn. Er begann sich zu verändern, verschwand zunehmend hinter der Krankheit. Der Vater, der ein absoluter Familienmensch war, wie Nova Meierhenrich in ihrem Buch schreibt, zog sich zurück.

Damals hatte die Familie keine Ahnung, dass hinter der zunächst vermuteten Lebenskrise eine ernstzunehmende, schwerwiegende Erkrankung steckte, "man hatte damals keine Ahnung, was das ist, was die Symptome einer Depression sind", sagt Nova Meierhenrich.

So war ihr von Anfang an wichtig, dass sie in ihrem Buch nicht nur ihre Geschichte nachzeichnet, sondern sie zugleich auch aufklären, informieren und helfen möchte.

Denn als die Familie in den langen Jahren dringend auf Hilfe und Unterstützung angewiesen war, hatten sie nichts gefunden, was ihnen als Angehörige eines depressiven Familienmitgliedes auch nur ansatzweise geholfen hätte, deren "Suche nach Hilfe war eine 18 Jahre dauernde Odyssee."

Nova Meierhenrich schrieb ihr Buch nach langen, intensiven Gesprächen mit ihrer Mutter, der sie sehr nahe steht. Die Erfahrungen der Mutter, die als Ehefrau zuerst mit der Erkrankung ihres Mannes konfrontiert wurde, fließen in die Aufzeichnungen mit ein.

Um die ihrer Einschätzung nach bis heute tabuisierte Krankheit Depression "greifbar zu machen und mit Vorurteilen aufzuräumen", hat Nova Meierhenrich den Facharzt Dr. Mazda Adli, Psychiater und einer der führenden Depressionsforscher, hinzugezogen bei der Entstehung des Buches.

Die Depression ist eine ernstzunehmende, schwerwiegende Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst und erhebliches Leiden verursacht.

Doch auch die Angehörigen geraten in den Sog der Krankheit, in einen emotionalen Ausnahmezustand. Sie schwanken zwischen Verzweiflung und Zuversicht - Wut und Hilflosigkeit, fühlen sich zermürbt von Trauer und Schuldgefühlen. Der Angehörige beginnt das eigene Leben nach dem des Erkrankten auszurichten: ein guter Tag im Leben des Depressiven ist ein guter Tag für den Angehörigen und umgekehrt. Gelingt es einem Angehörigen nicht, sich dem zu entziehen, so können die Auswirkungen zu einer so genannten Co-Depression führen.

So erging es auch Nova Meierhenrich; sie erkrankte daran - und wollte es lange nicht wahrhaben. Sie glaubte, alles im Griff zu haben, im Job funktionierte sie, war die "Strahle-Frau" in der Medien-Branche - zu Hause jedoch, so erzählt sie in ihrem Buch, starrte sie nur noch die Wand an, war zu nichts mehr imstande, zog sich sozial zurück.

Sie brauchte alle Kraft, um die Fassade aufrecht zu halten. Bis eine Freundin sie darauf aufmerksam machte, darauf drängte, dass sie sich Hilfe holte.

Dr. Adli zur Co-Depression:
"Depression ist eine Stress-Folgeerkrankung, das ist genau der Stress, der die nächste Depression - diesmal beim Angehörigen - auslöst.

Deshalb ist es wichtig, dass man auch Familienangehörige möglichst mit in die Behandlung einbezieht. Dadurch werden die Angehörigen einerseits entlastet, andererseits wird ihnen Rat und Unterstützung im Umgang mit dem Erkrankten mit auf den Weg gegeben."

Dr. Mazda Adli hält es für wichtig, dass mehr Präventionskonzepte entwickelt werden, denn "Depression ist eine Volkskrankheit, sie betrifft jede vierte Frau, jeden achten Mann irgendwann einmal im Leben. Diese Häufigkeit zeigt, dass es entscheidend wäre, einen Public-Health-Ansatz zu Depressionen zu entwickeln. Zur Prävention gehört konkret: Wie kann depressionsauslösender Stress vermieden werden? Das ist in der Regel chronischer Stress. Wie kann damit ein Umgang geschaffen werden? Wie kann Früherkennung noch verbessert werden? Zum anderen wünsche ich mir, dass der Weg in eine Behandlung noch leichter wird. (...) Hier besteht dringender Reformbedarf.
Wir sind zwar schon ein gutes Stück vorangekommen, was die Enttabuisierung von Depressionen anbelangt, aber (...) noch immer fällt es schwer, über psychische Erkrankungen zu sprechen, noch immer fällt der Gang zum Arzt aufgrund von psychischen Problemen schwer und noch immer werden psychische Erkrankungen anders angesehen als körperliche Erkrankungen. Ich wünsche mir, dass Depressionserkrankungen endlich ihr Stigma verlieren."

Beitrag von Renata Seremet