Axel Svehla
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- „Wenn sich Zuschauer am Ende eines Beitrags heftig streiten hat man nicht alles falsch gemacht.“

Unser Autor Axel Svehla war 35 Jahre Journalist. Jetzt geht er in den Ruhestand. Hier blickt er zurück.

Mich haben der Alltag, die Hoffnungen und die Sorgen jener Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, stets mehr interessiert als Pressekonfenzenzen, Untersuchungsausschüsse oder Hintergrundgespräche mit Politikern. Solche Termine sind wichtig, aber ich fremdel immer, wo es offiziell „wichtig“ wird.

Claudia Kroll, Isabel Schmidhuber und Axel Svehla
Claudia Kroll, Isabel Schmidhuber und Axel SvehlaBild: privat

Die Begegnungen und Gespräche in Alten-und Obdachlosenheimen, in Suppenküchen und auf Palliativstationen, bei den Vergessenen in den ödesten Ecken am Arsch der Republik haben mich immer wieder daran erinnert: Es gibt eine Welt außerhalb meiner Kreise und meiner Sorgen. Diese erscheinen geradezu lächerlich im Vergleich zu den Kämpfen, die andere um ihre Existenz, ihre Gesundheit, ihre Psyche und um ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben führen.

Wer seinen Diesel-SUV ausnahmsweise stehen lässt und stattdessen mit der U-  oder S-  Bahn  fährt, wer bei Lidl in der Schlange steht, statt in der Bio Company zuvorkommend bedient zu werden, wer in fremden Milieus genau zuhört und genauer hinschaut – er ahnt, dass auch und gerade in unserem Beruf Bescheidenheit diesen Menschen gegenüber angebrachter ist als Hochmut, stille Verachtung oder salonfähig gewordener Zynismus. Wer sich nur in seinen eigenen Kreisen bewegt, wird kaum einen Blick für jene haben, die bereits durch den Rost gefallen sind. Er wird nicht mitbekommen, wie weit unsere Gesellschaft bereits in voneinander getrennte Gruppen zerfallen ist und weiter zerfällt. Er wird keinen Respekt  denen gegenüber entwickeln, die selbst im Scheitern versuchen, ihre Würde zu bewahren.

Mir sind jene Erlebnisse und Fragen nachhaltig in Erinnerung, die keine einfachen Anworten zulassen, sondern Kontroversen und quälendes Abwägen von Pro&Contra provozieren: Was spricht für oder gegen den ärztlich assistierten Suizid, die Pränataldiagnositik oder die Inklusion? Ist konsequentere Strafverfolgung nicht doch sinnvoller als überbordendes Verständnis für schwere Kindheit oder Integrationsbarrieren? Unter welchem Schutz stehen eigentlich doppelzüngige Priester, deren sexuellen Missbrauch wehrloser Kinder stillschweigend geduldet wird? Es wird immer spannend, wenn der herrschende Konsens politischer Korrektheit oder über Jahre Geduldetes angekratzt wird.

Wenn sich Zuschauer am Ende eines Beitrags heftig streiten, wenn man als Autor von der Entwicklung einer Geschichte selbst überrascht worden ist und zu Beginn des Beitrags offen bleibt, wie er ausgeht  - dann hat man nicht alles falsch gemacht.

Claudia Kroll und Axel Svehla
Claudia Kroll und Axel SvehlaBild: privat

So arbeiten zu können, verlangt allerdings Zeit und verträgt sich nicht mit Hektik in der Vorbereitung und Aufbereitung der Geschichten. Zuhören, Ausreden lassen, sich nicht stets von eigener Besserwisserei und Bedeutung mitreißen zu lassen,  um damit andere beeindrucken zu wollen – das scheinen Tugenden aus einer versinkenden Welt zu sein. Zudem habe auch ich erfahren, dass man Vertrauen nur dann gewinnt, wenn man mit offenen Karten spielt. Keine Komplizenschaft, kein Versteckspiel, sagen, was man vorhat und Raum für Gespräche und Interviews lassen, die mitunter dem eigenen Vorurteil widersprechen. Der Vorwurf „Lügenpresse“ verblasst dann vielleicht schneller.

Jetzt erst bietet die Kombination von Bild, Ton, Schnitt, Text und Stimmfärbung fantastische Möglichkeiten  zur Entfaltung der Geschichte. Aber nicht alles, was in diesem Zusammenhang technisch möglich ist und sich verführerisch anbietet, trägt zur Wahrheitsfindung bei. Im Gegenteil. Eine kritische Haltung zu seinen Mitteln, vor allem aber gegenüber den „ sozialen(?) Medien“ schadet nie.

Viel zu wenig stellen wir uns die Frage, „was wurde eigentlich aus...?“  Weil wir zu schnelllebig arbeiten? Vielleicht aber auch, weil wir die Frage scheuen, ob wir überhaubt und in welchem Maße wir etwas bewirken? Nach 35 Jahren ist meine Skepsis eher größer geworden und das hat auch damit zu tun, dass Medienkonsum schon lange kein Gemeinschaftsereignis mehr ist. Jedem das, wo und worin er sich bestätigt fühlt bei sinkendem Interesse an (anstrengenden) Alternativen. Aber vielleicht gehören diese Zweifel in das Wehmutspaket des Alters.

Gut 35 Jahre als Journalist für verschiedene Zeitungen, Rundfunkstationen und fürs Fernsehen arbeiten zu dürfen, war für mich ein großes Glück. Es gibt wohl kaum einen Beruf, der mehr Abwechslung, Gestaltungsmöglichkeiten und  das Eintauchen in unbekannte Lebenswelten ermöglicht.

Zum Schluss gehört mein Dank allen, die sich als Geschichtenerzähler vor die Kamera getraut haben, so dann allen Kollegen(innen), Kameraleuten, Cuttern, Grafikern, Sprechern, Archivhilfen, Produktionsleuten und jenen Vorgesetzten, die mich (meist mürrisch und verschlossen) „mein Ding machen„ ließen.

Machts gut!

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