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Bild: Karo Krämer

Frankfurter Buchmesse 2020 - Literarische Bilanz der Buchmesse

Surreal, so wirkte die Frankfurter Buchmesse, die ja fast nur digital stattgefunden hat, und eben nicht wie sonst mit Publikum. Sie ist am Sonntag zu Ende gegangen. Unsere Literaturredakteurin Anne-Dore Krohn fasst ihre Messe-Eindrücke zusammen.

Für die Buchmesse war dies ein anstrengendes Jahr. Für die Literatur jedoch war es ein Gutes - Corona hin oder her. Selten war die Qualität der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur so überzeugend. Das zeigte sich schon beim Deutschen Buchpreis am Montag. Jeder der sechs Titel auf der Shortlist hätte den Preis verdient gehabt. Die Auszeichnung von Anne Webers "Annette" verhilft jetzt einem wenig populären Genre zum Ruhm: dem Heldinnenepos.

Anne Weber: "Was kann man als Schriftsteller*in machen mit jemanden, den es wirklich gibt, der lebt? Da war meine Antwort: Man darf nicht alles machen, da habe ich Skrupel. Da ist mir eingefallen, dass es eine uralte literarische Form gibt, in der solche wagemutigen Großtaten erzählt oder viel mehr besungen werden. Und das ist das Epos, das Heldenepos."

Sehr viel bemerkenswerte Literatur

Zudem gab es in diesem Jahr viele Titel, die noch nicht einmal auf der Longlist standen, obwohl sie es verdient hätten. Der "Dorfroman" von Christoph Peters zum Beispiel, den er auf der Buchmesse auf vier Podien vorstellte - nicht zugeschaltet, sondern vor Ort, in Person.

Christoph Peters: "Es hat etwas ganz Absurdes - alles ist unnormal, alles ist sonderbar und befremdlich. Und gleichzeitig gibt es dann kurz Momente, wo alles so ist wie immer: Wenn man bei 'Literatur im Römer' steht und Peter Stamm und Kristof Magnusson da sind. Dann laufe ich über die Straße und plötzlich stehe ich Jan Wagner gegenüber, wundere mich, plaudere mit ihm. Wir halten dann viel Abstand und es bekommt dann etwas Surreales, Beckett-haftes."

Auch die 1980 in Anklam geborene Judith Zander war da mit ihrem bemerkenswerten Roman "Johnny Ohneland". Auf der ARD-Bühne in der Festhalle sprach sie über ihren zweiten Roman, den sie komplett in der Du-Perspektive geschrieben hat. Die Hauptfigur ist ein Mädchen, das sich Johnny nennt und das sich der konventionellen Geschlechterordnung entziehen möchte.

Judith Zander: "Ich zu sagen ist ihr nicht wirklich möglich. Es wäre ihr vermutlich zu nah dran. Das geht dann vielleicht tatsächlich nur im Tagebuch. Für mich als Autorin ist mir die dritte Person immer zu weit weg. Deshalb ist die Du-Perspektive sowohl für Johnny als auch für mich die ideale Perspektive."

Wo der Mensch dem Menschen fehlt, da fehlt er ihm wirklich - auch auf der Buchmesse

Auf einer Bierbank am einzigen Bratwurststand der Messe konnte man die Lyrikerin und Performerin Nora Gomringer treffen. Sie war mit ihrem Gedichtband "Gottesanbieterin" angereist, der bereits in eine für Lyrikbände sagenhafte dritte Auflage gegangen ist. Etwas nostalgisch dachte Nora Gomringer an die Buchmesse in früheren Zeiten:

Nora Gomringer: "In den schlimmsten Phasen, wenn man hier auf der Buchmesse in dieser Situation ist, wo es voll ist, wünscht man es sich genau so: alle jetzt weg! Kaum sind dann alle weg, merkt man: so existiert man nicht gerne. Wo der Mensch dem Menschen fehlt, da fehlt er ihm wirklich."

Der Literaturkritiker Denis Scheck stellte in der Festhalle jeden Tag 'Best of Druckfrisch' vor - jeden Tag von Neuem, ohne Publikum. Trotzdem - er war der Meinung, dass es eine richtige Entscheidung gewesen war, die Messe in dieser Form stattfinden zu lassen.

Ein bisschen war dann aber doch. Bei den Veranstaltungen von 'Open Books' an verschiedenen Orten in der Stadt. Der in Berlin lebende Schriftsteller Kristof Magnusson stellte seinen Roman "Ein Mann der Kunst" vor, der spielt sogar in Frankfurt. Es geht um einen fiktiven Superstar der Kunst, der in Magnussons Buch sein eigenes Museum bekommt. Eine Idee, die der Autor bei Spaziergängen am Frankfurter Museumsufer hatte.

Kristof Magnusson: "Ich bin oft dort langgelaufenen und dachte: Ach, hier könnte man doch einmal etwas Schönes hinbauen! Ich habe nicht das Geld, das in der Wirklichkeit zu tun - aber das ist ja das Schöne, dass die Produktionskosten von Büchern doch relativ gering sind. Und da hat dieser Aufbau dann jetzt zumindest eine Chance."

Die Kraft der Literatur unter erschwerten Bedingungen

Für ihr literarisches Gesamtwerk erhielt die Autorin Cornelia Funke den Deutschen Jugendliteraturpreis. Endlich, könnte man sagen. Sie ist eine der erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen und hat schon mehr als 70 Bücher geschrieben. In Frankfurt trat sie mehrfach auf – jedes Mal zugeschaltet aus ihrem Haus in Kalifornien.

Cornalia Funke: "Von mir gibt es gerade zwei neue Bücher: Der vierte Teil von 'Reckless. Auf silberner Fährte' und ein Bilderbuch 'Die Brücke hinter den Sternen'. An beiden Büchern hängt natürlich mein Herz und ich hoffe, dass sie viele Leser finden, denn sonst sind Bücher ja eine traurige Angelegenheit."

Ein Preis für Cornelia Funke ist ein schönes Signal auf dieser zurechtgestutzten Buchmesse. In Funkes "Tintenherz"-Reihe können sogenannte Zauberzungen Gegenstände und Lebewesen in Bücher hinein- und hinauslesen. Eine Liebeserklärung an die Kraft der Literatur, die sie, wie man in Frankfurt überall spürte, auch unter erschwerten Bedingungen entfalten kann.

Anne-Dore Krohn, rbbKultur

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