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Neue Lesung auf rbbKultur - "Die verschwindende Hälfte" von Brit Bennett

Brit Bennett gilt als wichtigste junge Stimme der US-Literatur. Mit "Die verschwindende Hälfte", einem Generationen umspannenden Epos über ethnische Zugehörigkeit, die Last der Geschichte und die Sehnsucht nach einem neuen Leben, tritt sie in die Fußstapfen von Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Es liest Tessa Mittelstaedt. Ab 19. Oktober sind bei uns alle 30 Folgen online abrufbar.
 
Ein Gespräch mit dem Übersetzer Robin Detje.

rbbKultur: In dem Roman kommt Desiree mit einem jungen Mädchen an der Hand zurück. Dieses Mädchen sei "rabenschwarz". Warum ist das in dieser Südstaaten-Kleinstadt so ein großes Problem?

Detje: Es handelt sich um eine Stadt, die von Farbigen bewohnt wird. Aber Farbige, die eine besonders helle Haut haben wollen und stolz darauf sind, dass sie fast nicht mehr als Schwarze zu erkennen sind. Wenn man dann ein rabenschwarzes Kind mitbringt, ist das ein großer Affront gegen die Religion dieser Stadt.

rbbKultur: "Die verschwindende Hälfte" heißt der Roman. Was genau ist diese verschwindende Hälfte eigentlich?

Detje: In dem Buch gibt es ein Zwillingspaar, dessen Wege sich trennen. Beide fanden diese Stadt unerträglich und sind abgehauen. Der eine Zwilling kommt zurück - mit dem rabenschwarzen Kind. Der andere Zwilling schafft es, als weiße Frau durchzugehen und lebt als weiße Frau in den Suburbs von Amerika.

rbbKultur: Auch eine transidente Personen spielt eine Rolle in dem Buch. Was hat es mit ihr auf sich?

Detje: Es gibt einen Transmann, der auftaucht. Es geht um Identität als Verwirrspiel. Es geht auf eine ganz hochpolitisch bewusste Weise um Identität und um Intersexualität, wie die Autorin auch in einem Interview gesagt hat. Es geht um eine Häufung von Problemen, vor denen man stehen kann, wenn man seine Identität finden will.

rbbKultur: Der Roman spielt in den USA und muss sicherlich auch im Zusammenhang mit der Black Lives Matter-Bewegung dort gelesen werden. Aber was Brit Bennett schreibt, ist doch bestimmt weltweit relevant?

Detje: Es ist bestimmt kein Buch, das mit der Black Lives Matter-Bewegung zu tun hat. Es ist ein hochpolitisches Buch. Aber es kommt auf diese hochpolitische Ebene, indem es einen ganz klassischen Familienroman erzählt, fast mit konventionellen Erzählweisen, jeweils aus der Zeit, in dem er spielt. Es ist ein historischer Roman der 50er-, 60er- und 70er-Jahre. Er ist sich den politischen Fragen der Gegenwart hochbewusst. Und dadurch wird er gegenwärtig.

rbbKultur: Rüttelt Brit Bennett mit dem Roman auf?

Detje: Sie macht einen fertig, weil sie einen immer wieder durch die Figurenkonstellation in Zusammenhängen und Situationen bringt und uns zwingt, sich dort einzufühlen. Da kommt man nur ganz schwer wieder raus. Wenn man erlebt, wie eine schwarze Frau als weiße Frau in den Suburbs lebt und dort die Rassenunruhen als weiße Frau erleben muss und unter dem Anpassungsdruck einer weißen Vorstand steht, weiß man gar nicht, ob man mehr mitleidet mit den weißen Suburb-Frauen oder mit dieser Frau in ihrer ganz besonderen Situation.

rbbKultur: Das klingt nach einem faszinierendem Plot ...

Detje: Das ist schon irre, was die Autorin da draufstapelt an Figuren und Geschichten. Daran leidet man als Übersetzer natürlich, wenn man für alle Figuren immer wieder eine neue Stimme finden muss. Wenn die Autorin dann im 22. Kapitel wieder eine neue Person bringt! Es ist aber irre, wie toll dieser Stapel dann funktioniert. Das ist ein Buch, das im Grunde konventionell erzählt, aber eine Komplexität herstellt, die unglaubliche gegenwärtig ist.

rbbKultur: Sie haben den Roman gemeinsam mit Isabel Bogdan ins Deutsche übersetzt. Vor welchen besonderen Herausforderungen haben Sie gestanden?

Detje: Die Herausforderung ist immer, dass man sich in die Figuren einfühlen muss. Hier waren es besonders viele. Aber ich glaube, dass jedes Buch, da wird mir Isabel Bogdan sicher zustimmen, einen vor seine ganz eigenen Herausforderungen stellt.

Das Gespräch führte Anja Herzog, rbbKultur

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