ULrich Khuon; Foto: Gregor Baron
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Wie kommen die Theater durch den Corona-Winter? - Theater-Intendant Khuon: Unsere Hygiene-Maßnahmen bewähren sich

Bayern hat beschlossen, dass ab einer bestimmten Höhe der Infektionszahlen nur noch 50 Personen in geschlossenen Räumen zusammen sein dürfen. Theaterintendanten protestieren dagegen. Wie sieht es in Berlin aus? Wie können sich die Theater auf den Corona-Winter vorbereiten? Ein Gespräch mit Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters und Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

rbbKultur: Herr Khuon, befürchten Sie bayerische Verhältnisse bald auch in Berlin?

Khuon: In dieser Form, wie es in Bayern vor sich geht, nicht. Das Schlimme an den Entscheidungen dort ist ja, dass man sprunghaft und nicht nachvollziehbar agiert. Dass man von einem Tag auf den anderen – egal, ob es Hygiene- und Gesundheitskonzepte gibt und egal, ob sie funktionieren, für alle Häuser dasselbe entscheidet. Das ist eine Entscheidung, in die der bayerische Kulturminister kaum einbezogen wurde. Es ist einfach die Linie, die wir aus Bayern seit einigen Monaten kennen. Der starke Mann an der Spitze sagt, wo es langgeht. Und ich finde, man muss nachvollziehbar argumentieren. Man muss in der Kommunikation bleiben, man muss die Argumente austauschen. Und das passiert bisher in Berlin. Ich kann nur sagen, wie Kultursenator Lederer und die ganze Behörde agiert, finde ich sehr, sehr gut. Selbst wenn wir uns über etwas streiten, dann streiten wir zunächst in einem Kreis, in dem man sich austauschen kann. Ich finde, dass es für uns – damit meine ich alle Opern, Konzerthäuser, Theater - nach dem Lockdown so langsam voranging. Dass man die zunächst sehr niedrige Zahl an Besuchern etwas erhöht hat, dass nun alle (Hygiene-) Konzepte funktionieren. In den Häusern gibt es keine Infektionsherde. Es sind immer noch relativ wenige Besucher*innen da, aber doch schon wieder etwas mehr. Der Umgang miteinander und der Weg, den wir gehen, ist bisher ein sehr guter.

rbbKultur: Wie lange haben denn die derzeit gültigen Regeln in Berlin noch Bestand? Welche Varianten werden zurzeit diskutiert, auch aufgrund der bayerischen Vorstöße?

Khuon: Das ist eine Frage, die die Stadt in wenigen Tagen wieder neu diskutieren wird. Wir sind Teil eines großen Ganzen. Das heißt: Gibt es einen Lockdown oder gibt es ihn stufenweise? Das muss die Stadt alles als Ganzes entscheiden. Die Ampel ist in zwei Bereichen noch auf grün, in einem allerdings auf rot. Ich will das nicht verharmlosen, das ist schon problematisch. Vielleicht brauchen wir noch zwei Wochen, um zu sehen, ob die Maßnahmen, die bereits ergriffen wurden, greifen oder ob weitere kleinere Schritte noch hilfreich sind. Die Grundfrage wird sein, ob man das soziale Leben völlig zum Erliegen lassen kommt. Ich bin für einen sensiblen Umgang in der Abwägung von Gefährdungen: von der Gesundheitsgefährdung aber auch von existenzieller Gefährdung, der Einsamkeitssyndrome, aber auch von existenzieller wirtschaftlicher Gefährdung. Es gibt ja eine gewaltige Kulturwirtschaft, die auch am Boden liegt. Dass man die Argumente auch anhören muss, beispielsweise aus der Kulturszene. Bisher passiert das. Man könnte die Zahlen etwas runterfahren. Dieser bayerische Rundumschlag mit 50 Personen in geschlossenen Räumen - da kann man doch eigentlich ganz zumachen. Das ist Zynismus. Jetzt 50 Personen in die Oper mit 1.800 Plätzen reinzusetzen oder ein Schauspiel, wo 800 Besucher*innen reinpassen – das ist doch gespenstisch. Da ist es ehrlicher, man macht dicht. Wenn man schon eine Ampel hat, die ja doch eine gewisse Aussagekraft hat über den Reproduktionswert und darüber, dass die Intensivbetten noch nicht genutzt werden, dann sollte man auch nochmal auf die beiden grünen Ampeln gucken. Insofern fände ich weitere vorsichtige Schritte richtig.

rbbKultur: Wie schätzen Sie die Haltung des Theaterbesuchers ein? Wie werden die Corona-Maßnahmen das Verhalten des Publikums möglicherweise verändern?

Khuon: Das hat sich schon verändert. Wenn ich nach meinem Gefühl gehe, das ist zwar sehr ungenau, aber trotzdem aus Erfahrungen gespeist, sind es 20 bis 30 Prozent, die abwarten und einfach nicht mehr kommen. Bei uns am Deutschen Theater kann man sagen: das Haus ist immer voll. Ins Große Haus passen im Moment knapp 200 Besucher*innen, in die Kammer hundert. Aber die Plätze sind immer besetzt. Das heißt, die Menschen kommen schon, weil sie Vertrauen in diese Maßnahmen haben und weil sich die Maßnahmen auch bewährt haben. Es gibt schon ein großes Interesse, auf Abstand zu sitzen.

rbbKultur: Wie können sich die Theater auf den Pandemie-Winter vorbereiten? Wie machen Sie das am Deutschen Theater?

Khuon: Indem man bei diesen Zahlen bleibt. Man macht kurze Stücke. Man macht kaum Pausen, sodass die Zuschauer kurz vorher kommen und in Gruppen reingeführt werden. Ich finde, wir sind hervorragend vorbereitet. Wir haben auch lange Zeit dafür gehabt. Und wir haben alle ein Vorderhauspersonal, das inzwischen total fit ist, das sehr sorgfältig darauf guckt, dass die Menschen auch Abstand halten, dass sie ihre Masken aufbehalten, auch am Platz. Die Tatsache, dass trotz dieser ganzen Einschränkungen so viele Menschen kommen, macht schon deutlich, dass Theater nicht nur als künstlerischer, sondern auch als sozialer Vorgang wichtig ist. Aber auch als Angebot, um in dem Loch, in dem wir uns befinden und immer auf das eine starren, Anregungsfelder zu haben, die unser Leben miteinander auch in anderer Hinsicht beleuchten und anregen.

Das Gespräch führte Shelly Kupferberg, rbbKultur