Der Morgen; © rbbKultur
Bild: imago images/Jürgen Ritter

- Bye bye Tegel

Bye bye Tegel - Morgen schließt der Flughafen Tegel, das Gebäude soll für Hochschulzwecke umgebaut werden, auf den Rollbahnen entstehen Wohnhäuser und Arbeitsstätten und ein großer Park. Eine Ära geht zu Ende. Auch unser Architekturkritiker Nikolaus Bernau nimmt Abschied – gerne und mit Wehmut zugleich.

Nikolaus Bernau; Foto: Carsten Kampf
Nikolaus Bernau | Bild: Carsten Kampf

Als ich das erste Mal von Tegel aus flog, das muss so um 1990 gewesen sein, war dessen große Zeit schon lange vorbei. Die herrlichen Designs der Architekten von Gerkan, Marg und Partner aus den frühen 1970er-Jahren wirkten abgewohnt, die Hallen waren überfüllt, ganz offensichtlich war das Gebäude überfordert. Und doch, als der Flieger abhob und der Blick auf das große Sechseck deutlich wurde – da verstand ich schlagartig, warum dieser Flughafen nun schon seit mehr als einem halben Jahrhundert so fasziniert. Hier wurde eine Utopie zur architektonischen Form, die die gesamte Nachkriegszeit geprägt hat: Die des perfekten, des glatt fließenden Verkehrs nämlich.

Mit dem Taxi auf der Autobahn heranrauschen, abbiegen, auf dem großen Hinweisschild suchen, wohin der Flieger geht oder woher er kommt, das Auto vor dem Abfertigungsschalter verlassen, die Kontrolle passieren – und dann ab die Post in den Himmel. Großartig. Es gibt weltweit wenige Flughäfen, die diese Idee des Fliegens als zivilisatorischen Traum über alle technischen Notwendigkeiten hinaus so perfekt ausgedrückt haben wie der 1974 eingeweihte Terminal in Tegel. Eero Saarinens TWA-Halle in New York und sein John Forster Dulles Airport in Washington DC stehen in dieser Reihe. London Stansted von Norman Foster, der Pariser Flughafen Charles de Chaulle. Die großen Hallen in Istanbul, Peking oder Shenzen dagegen sind zwar faszinierend, aber letztlich doch nur gigantische Shoppingmalls. Tegel dagegen wollte und sollte mehr sein, ein Symbol des freien Teils von Berlin, eine Verheißung: Bald schon seid ihr am warmen Strand des Mittelmeers.

Am Sonnabend wird von dieser Verheißung nun voraussichtlich der letzte Flieger starten. Endlich, es ist allerhöchste Zeit. Dieser Flughafen gefährdete das Leben von Hunderttausenden von Menschen zwischen Spandau und Marzahn, ihre Gesundheit, ihre Sicherheit, senkte den Wert ihrer Immobilien. Dieser Bau war nur möglich, weil es im ummauerten alten West-Berlin einen noch gefährlicheren Flughafen gab - Tempelhof nämlich. Ökologie, Energieverbrauch, Nachhaltigkeit – all das spielte beim Bau von Tegel keine Rolle. Und doch: hier ist eben auch ein grandioses Gesamtkunstwerk zu erleben – wenigstens in den Teilen, in denen die Flughafengesellschaft nicht allen Charme der 1970er heraussaniert hat.

Also gehe ich noch einmal in diese Hallen, kann mir noch nicht wirklich vorstellen, wie sie dereinst einmal als Hochschulgebäude dienen können, mache letzte Fotos mit einem echten Flugzeug darauf. Und denke mir: Der Bau von Tegel bleibt zwar erhalten. Wie gut. Aber die in ihm Form gewordene Utopie, dass Fliegen mehr sein kann als nur Transport, die wird mir fehlen.

Nikolaus Bernau, rbbKultur