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Bild: Karo Krämer

Pro und Contra – Empörungskultur - Empört euch! vs. Bleibt gelassen!

Was konnte man nicht alles falsch machen im vergangenen Jahr. Kaum hatte man einen Genderstern vergessen, gabs einen Shitstorm. Jede Äußerung, jeder Witz wurde durchleuchtet, Diskriminierungsbeauftragte durchforsteten das Netz, forderten Boykotte und cancelten die Culture. Wie sinnvoll ist diese neue Empörungskultur? Darüber streiten sich unsere beiden Kolleg*innen Heide Oestreich und Steffen Brück.

Gelassenheit

Es steht viel auf dem Spiel.

Seitdem Feinde der Demokratie in unseren Parlamenten sitzen, wissen wir, was wir an ihr haben, an der Demokratie: an Mitbestimmung, freien Wahlen, freier Meinungsäußerung.

Es geht wieder um etwas, spürbar. Die Politisierung unserer Gesellschaft finde ich gut. Und bin voller Respekt für alle, die sich politisch engagieren, außerparlamentarisch wie die Klima-Aktivisten, oder auch in Parteien. Dabei ist es mir erstmal egal, ob jemand bei der CSU oder der Linken mitmacht. Es muss halt nur eine Partei sein, die unsere Verfassung akzeptiert.

Es geht wieder um etwas. Und trotzdem – wenn ich mir was wünschen dürfte, dann mehr Gelassenheit.

Ich bin für leidenschaftliche Diskussionen, in denen ein großes Meinungsspektrum von sehr konservativ bis sehr links ausgelotet werden darf. Aber ich bin gegen Engstirnigkeit und Fanatismus. Und leider gibt es auch Menschen, die im Kampf für das Gute zu Fanatikern werden. Natürlich ist es ehrenwert, für die Diversität unserer Gesellschaft zu kämpfen. Aber wenn J.K. Rowling eine streitbare Meinung zu Transmenschen äußert, können wir diese Meinung dann nicht einfach diskutieren, ohne gleich zum Boykott der Bücher einer tollen Schriftstellerin aufzurufen? Mich erschreckt dieser Vernichtungswille. Denn Boykott von Büchern heißt Vernichtung von Kultur.

Gelassenheit wünsche ich mir und Sorgfalt in der Diskussion: Bevor ich eine extrem talentierte und noch sehr junge Kabarettistin wie Lisa Eckhart zur Antisemitin erkläre, bin ich verpflichtet, mich ernsthaft mit ihrem Werk auseinanderzusetzen. Da reicht es nicht, sich einen youtube-Clip einer möglicherweise tatsächlich verunglückten Nummer anzuschauen. Denn für die Künstlerin steht auch alles auf dem Spiel: das Ende ihrer Karriere, ihrer Kunst.

Gelassenheit, Sorgfalt, Angemessenheit der Sprache: Diejenigen, die Bücher mit moralisch bedenklicher Wortwahl oder Kunstwerke mit moralisch bedenklichen Inhalten nicht aus Bibliotheken oder Museen verbannen wollen, sind nicht automatisch Rassisten, Sexisten oder Nazis. Sie sind möglicherweise im Unrecht, aber sie vertreten eine diskutable Position.

Bitte bei all diesen wichtigen Diskussionen immer überlegen: Wer sind die wirklich Bösen? Böse sind die, die den Holocaust leugnen oder ihn zum Vogelschiss erklären, nicht die, die eine kritische Haltung zu Greta Thunberg haben. Böse sind die, die eindeutig rassistisch handeln, Menschen anderer Herkunft respektlos begegnen, nicht die, die eine differenzierte Position zur Umbenennung von Straßennamen wie „Onkel Toms Hütte“ vertreten.

Ich wünsche mir weniger Empörungslust, weniger moralische Überlegenheitsgefühle, weniger Hass gegenüber Andersdenkenden. Ich wünsche mir mehr Offenheit für andere Meinungen, mehr Freude an robusten Diskussionen, mehr Versöhnungsbereitschaft nach hartem Schlagabtausch und nicht zuletzt mehr Humor.

Denn Menschen, die sich sehr humorlos im Besitz der Wahrheit glauben, sind immer gefährlich.

Sie sind das Gegenteil von gelassen.

Steffen Brück, rbbKultur

Unsere Kolleg*innen Heide Oestreich und Steffen Brück diskutieren beide gerne. Während Steffen Brück für mehr Gelassenheit plädiert, hat "Empörung" für Heide Oestreich in der Debattenkultur aber durchaus ihre Berechtigung.

Empörung

Gelassenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Oh ja, sie gehen mir auch irre auf die Nerven, die Dauerempörten. Und nicht nur die von rechts oder die kreuz und quer denkenden, die immer irgendwo den Feind stehen sehen und dann zur Verteidigung blasen. Auch die von links, die immer schon genau wissen, wer schon wieder ein Rassist, Sexist, Ableist, Lookist, Ageist und am Ende noch Transphob ist! Bitte alles mit Genderstern denken, ich war nur zu faul, den immer mitzusprechen.

Dieses Empörungstremolo, wenn jemand aus Versehen den „dead name“ einer Transperson genannt hat. Falls Sie übrigens nicht wissen sollten was das ist, sind Sie auf jeden Fall schonmal ein*e Ignorant*in.

Der dead name ist der unpassende Name, den jemand als Baby bekommen hat, obwohl die Person eigentlich innerlich ein anderes Geschlecht hat. Hat sie sich für einen neuen Namen entschieden, ist der alte tot. Sehr viele Transmenschen schmerzt es, wenn dieser tote Name immer wieder hervorgekramt wird. Es gibt also eine Kritik zum Beispiel an Medien, die nicht über, sagen wir mal Christian Schenk von der Linkspartei berichten können, ohne uns aufs Brot zu schmieren, dass er früher mal Christina hieß. Keine Ahnung, ob das Christian Schenk juckt, aber einigen Menschen tut so etwas sehr weh. War mir bis vor kurzem auch nicht so klar.

Und da sind wir schon beim Punkt. Das meiste Empörungsgeschrei der Gruppen, die uns des Rassismus etc pp bezichtigen - besteht nämlich aus Schmerzensschreien. Die sind nicht schön, nicht abgeklärt, und überhaupt kein Stück gelassen. Aber, wie alle wissen, die schon mal null Jahre alt waren: Sie sind ein probates Mittel, um Gehör zu finden.

Dass Sexismus Frauen schmerzt, Rassismus den Nichtweißen weh tut, Transphobie Wunden bei Transleuten hinterlässt – das äußert sich leider nicht in wohlgesetzten gelassenen Reden. Und das ist zwar nervig, aber auch gut. Denn anders würde die diskriminierende dominante Gruppe nicht zuhören. Hat sie nämlich nicht nötig. Die wird nur wach, wenn jemand schreit, dass man Kant verbieten muss, weil er ein alter Rassist ist. Und wenn Leute das Zigeunerschnitzel auf der Speisekarte durchstreichen.

Dann aber wird sie hellwach, unsere Dominanzgesellschaft. Und auch das ist gut so. Zwar fühlen sich dominante Gruppen dann gern gleich wie verfolgte Minderheiten, die von totalitären Horden gleichgeschaltet werden sollen. Aber so sind wir Menschen eben, Dramaqueens, der eine wie die andere. Da muss man dann kurz an die realen Mehrheits- und Machtverhältnisse erinnern. Und dann, wenn sich alle wieder abgeregt haben, geht auch der Dialog los. Und wir lernen etwas übereinander. Gut so! Ich hoffe also, wir bleiben auch 2021 bei dem 10 Jahre alten, aber immer noch schönen Aufruf von Stéphane Hessel: Empört Euch!

Heide Oestreich, rbbKultur

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