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Bild: Konstantin Tönnies

Ein Kommentar zum Holocaust-Gedenktag - Celans Stimme bleibt einsam

Vor 76 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau von der Roten Armee befreit. Seit 1996 gedenkt der Deutsche Bundestag jährlich am 27. Januar der Holocaust-Opfer, seit 2005 ist er der Internationale Holocaust-Gedenktag. Jahrestage sind wichtig für die Erinnerungskultur, doch stehen sie zugleich für eine lebendige Erinnerung? Unsere Kommentatorin Natascha Freundel ist skeptisch.

"Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts".

Viele von Ihnen haben diese Zeilen schon einmal gehört, in der Schule so wie ich, oder 1988, als das Gedicht im Bundestag rezitiert wurde: "Die Todesfuge" von Paul Celan, so oft in Deutschland für die Vergangenheitsaufarbeitung benutzt, dass der Dichter über sein berühmtestes Werk sagte, es sei nicht gut.

Celan, 1920 in Czernowitz geboren und 1970 gestorben in Paris, als er sich in die Seine stürzte, hätte 2020 wiederentdeckt werden können, als jüdisch-europäisch-deutscher Dichter. 100. Geburtstag, 50. Todestag: Wo war das große Celan-Festival, gern auch digital, initiiert vom Deutschen Literaturarchiv Marbach, in dem so viele Celan-Handschriften im klimatisierten Bunker der deutschen Sprachkunst ruhen?

Wir hatten gerade viel zu feiern: 250 Jahre Beethoven, Hegel, Hölderlin! – Wo war das große Hölderlin-Celan-Fest im Livestream, hat doch Celan viel von Hölderlin gelernt, und haben doch beide die deutsche Sprache herausgefordert, zerlegt, neu kombiniert, zu einem anderen Sprechen gebracht? Celan spricht wie kein Zweiter jüdisch-deutsch zu uns, immer gerichtet an ein Du – und immer noch und immer wieder bleibt seine Stimme einsam.

"1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" wird nun dieses Jahr offiziell begangen. Es wird nichts daran ändern, dass zum Beispiel Paul Celan nur von wenigen wirklich gelesen wird. Dass jüdisches Denken in all seinen sprachlichen Formen – Streitlust, Witz, Zweifel, Hohelied – selten praktiziert wird und von Maxim Biller trotzig verteidigt werden muss seit Marcel Reich-Ranicki von uns gegangen ist.

Dass jüdisches Leben in Deutschland Polizeischutz braucht und sich das Entsetzen, wenn dieser wie beim Attentat in Halle fehlt, in der breiten Bevölkerung in engen Grenzen hält. Dass deutsche Kulturkämpfer über Zionismus, Israel-Boykott und Universalismus urteilen, ohne einmal in Israel gewesen zu sein. Dass andere Deutsche den Corona-Lockdown mit Auschwitz vergleichen.

In Auschwitz wurde das Herz der jüdisch-europäischen Kultur ermordet. Wenige haben versucht, es wiederzubeleben, ohne die Wunde zu schließen, so wie Paul Celan. Die traurige Wahrheit ist, dass wir heute sehr bequem ohne seine und viele andere jüdische Stimmen auskommen. Und dass einige Menschen, nicht nur Juden, genau deswegen heute und hier ziemlich einsam sind.

Natascha Freundel, rbbKultur

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