Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #5 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - In Swanns Welt – die Folgen 21 bis 25

Doris Anselm liest "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". In den Folgen dieser Woche wird es blumig und erotisch.

Swann kann dirty talk

Nachdem ich letzte Woche einen regelrechten #MeToo-Moment mit Marcel Proust hatte, bin ich jetzt wieder ganz versöhnt. Und das, obwohl es ziemlich zur Sache geht in unseren aktuellen 5 Kapiteln. Aber der Unterschied ist eben: Die Liaison zwischen dem Lebemann Swann und der Lebefrau Odette findet auf Augenhöhe statt, einvernehmlich zwischen Erwachsenen.

Okay, Proust zeichnet Odette mit allen literarischen Tricks als kindisch und ungebildet. Aber was ihren Körper angeht, scheint sie mir ziemlich souverän. Sie ist diejenige, die Swann abschleppt, nicht umgekehrt, und vermutlich reichte das damals schon, um Odette klar als "Kokotte" auszuweisen. Dabei fließt zuerst kein bisschen Geld, und der sanfte Herr Swann, der sich so gern noch mal verlieben möchte, züchtet sich die entsprechenden Gefühle derart bewusst und strategisch selbst heran, dass mir der Deal für beide Seiten ziemlich fair vorkommt.

Es gibt aber noch einen anderen Grund, warum ich in die Affäre von Odette und Swann fast so gern eingestiegen bin wie Odette in Swanns Kutsche. Dort im schummrigen Wagen spielt sich nämlich eine der besten erotischen Szenen ab, die ich je gelesen habe. Der heiße Kontrast besteht darin, dass Proust so gut wie keine Berührung direkt schildert, sondern Swann einen atemlosen kleinen Monolog wispern lässt, während er nach einem Beinahe-Unfall und heftigem Schlingern der Kutsche anfängt, die Blumen an Odettes Ausschnitt in Ordnung zu bringen. Übrigens fragt er dabei so oft nach ihrem Einverständnis, dass er noch für Männer von heute ein wahres Vorbild in Sachen Consent abgibt. Und zugleich in Sachen Bettgeflüster. Kostprobe? Bitteschön.

"Wirklich, macht es Ihnen nichts? Schauen Sie, hier ist ein bisschen … ich glaube, es ist Blütenstaub, was da auf sie gefallen ist; darf ich es mit der Hand wegwischen? Stört es sie auch nicht? Bin ich vielleicht zu heftig? Es kitzelt wohl ein bisschen? Es ist nur, weil ich den Samt nicht zu stark reiben möchte. Aber sehen Sie, es war nötig, dass ich sie wieder festgesteckt habe, sie wären sonst heruntergefallen; ich glaube, wenn ich sie noch etwas tiefer hineinstecke…"

Kurzum: Das Ganze ist so nah an richtig gutem dirty talk, dass ich, als der Erzähler wenig später behauptet, in der Kutsche hätte dann nur der erste Kuss zwischen den beiden stattgefunden, ihm kein Wort glaube. Und das hat Proust auch gewollt, würd’ ich sagen.

Die Blumen an Odettes Ausschnitt, Cattleya-Orchideen, werden später zum erotischen Codewort zwischen den beiden. Ergebnis meiner Bildersuche: Es gibt ja viele zweideutig aussehende Orchideen, aber der Kelch einiger Cattleya-Arten ist schon eher eindeutig: Eine herrlich gerüschte, glänzende, lustvoll weit geöffnete Vulva samt enthüllter Klitorisspitze. Ich bin hier einfach so explizit, weil selbst Pornos und Biobücher das weibliches Geschlechtsteil fast nie wirklich erregt zeigen, was ungefähr so absurd ist, als würde man Pornos mit Penissen ohne Erektion drehen.

Von nun an muss ich also dank Marcel Proust außerdem darüber rätseln, warum Blumenläden nicht ab 18 sind.

Doris Anselm, rbbKultur

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