Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #6 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - In Swanns Welt – die Folgen 26 bis 30

In dieser Woche begibt sich die Schriftstellerin Doris Anselm beim Lesen von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" auf die Suche nach der verlorenen … Macht.

Unter Salonfremdgehverdacht

Schon lange, bevor ich auch nur eine Zeile Proust gelesen hatte, wurde mir zugetragen, dass eins der größten Themen in der "Suche nach der verlorenen Zeit" die Eifersucht sei. Die Eifersucht in der Liebe. Nun geht es also richtig los mit der Eifersucht. Mit dem Nachspionieren. Mit den Psychospielchen. Mit Swann, der Odette erst bekniet, nicht ohne ihn ins Theater zu gehen und der, als sie trotzdem loszieht, folgendes würdeloses Argumentations-Kreistänzchen vor ihr aufführt: "Ich schwöre Dir, als ich Dich bat, nicht auszugehen, wünschte ich mir für mich selbst von Herzen, du würdest ablehnen. Denn ich habe heute abend tausend andere Dinge vor. Und es wäre für mich sehr schwierig und eher ärgerlich gewesen, wenn du entgegen allen Erwartungen geantwortet hättest, du gingest nicht."

Echt guter Fremdschäm-Stoff, ja, aber wer solche Anwandlungen von sich selbst gar nicht zu kennen glaubt, der kennt sich selbst halt einfach nur sehr schlecht. Von der Kindertagesstätte bis zum Seniorenheim ist es ja im Prinzip ständig dieselbe Geschichte. Und nicht nur in der Liebe. Und das wusste Proust auch schon. Denn es ist bestimmt kein Zufall, dass gerade, während Swann sich warmläuft mit der Eifersucht, jemand anders schon so richtig in Topform ist. Ja, die eifersüchtigste Person von all unseren bisherigen Proust-Abschnitts-Gefährten ist gar nicht Swann, sondern Madame Verdurin. Die Salonlöwin. Die ihre "Getreuen" so stramm führt wie ein kleines Regiment, und die jeden, der es wagt, auch mal anderswo zu speisen (oder über den auch nur dieses Gerücht geht), für immer als "Langweiler" ächtet und ausschließt.

Genau das macht sie jetzt mit Swann, was tiefere Komik besitzt, denn im Prinzip ist die Treue, die Madame Verdurin verlangt, auch nur eine andere Art Monogamie. Ein sehr schönes Zerrbild von Swanns Wünschen an Odette, und ebenso realitätsfern. Denn die meisten von uns, welchen Geschlechts auch immer, sind nun mal promisk. Was Geselligkeiten angeht, meine ich natürlich. Räusper, räusper. Schade finde ich trotzdem, dass der Autor so gar nicht daran interessiert ist, wie sonst bei Swann hier auch bei Madame Verdurin in den Schmerz einzutauchen, in die existenzielle Leere, die sich hinter solcher Kontrollsucht verbergen muss. Nein, wir bleiben buchstäblich an der Fassade hängen – aber die ist grandios geschrieben. Während Swann unter Salon-Fremdgeh-Verdacht gerät, Zitat, "hatte Madame Verdurin aus ihren Mienen Leben und Bewegung ausgelöscht, ihre gewölbte Stirn war nur eine schöne Studie von einer Schädelbuckelung, in die der Name jener La Trémoïlle, bei denen Swann sich unaufhörlich aufhielt, nicht hatte eindringen können." – "Ihr Gesicht war nur noch ein Wachsabdruck, eine Gipsmaske, eine Bildnisstudie für ein Baudenkmal".

Ah ja, vom Wachs zum Gips zum Baudenkmal, da gewinnt also jemand an Härte und zugleich an Macht. Ich würde sagen, Macht ist auch der harte Kern, um den es diese Woche geht bei Proust: Wie Menschen anderen Menschen ihren Willen aufzwingen wollen, ob im Salon oder in der Liebe.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed