Kleiner Sendesaal im HdR (Quelle: rbb/Hanna Lippmann)
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- 90 Jahre Haus des Rundfunks (5): Die Sendesäle und die Akustik

Es war ein Paukenschlag in der noch jungen Rundfunkgeschichte der Zeit: vor 90 Jahren, Ende Januar 1931, wurde das Haus des Rundfunks feierlich eingeweiht. In unserer Reihe zum Jubiläum gehen wir den Spuren der Architektur und der wechselvollen Geschichte dieses Baus nach, der europaweit ohne Beispiel ist. Das Haus des Rundfunks zählt zum Spätwerk des Architekten Hans Poelzig. In der heutigen Folge hat sich Sigrid Hoff besonders den Sendesälen und der Akustik gewidmet.

Die Sitze im Großen Sendesaal im Zentrum des Funkhauses sind hochgeklappt, der Raum ist menschenleer. Nur ein Musiker, ein Student aus Japan, steht ganz allein auf der Bühne und stimmt seine Bratsche. Er gehört zur Nachwuchsakademie des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, das hier seinen Probenraum hat. Bedingt durch die Pandemie finden hier weder Proben noch Konzerte statt.

Als das Haus vor 90 Jahren eröffnet wurde, war der Große Sendesaal noch nicht fertig. Teo Wenzel, Student an der Humboldt-Universität, hat für seine Bachelor-Arbeit die Geschichte der Sendesäle im Haus des Rundfunks und ihre akustischen Herausforderungen erforscht:

"Der Saal hat sehr lange gebraucht, bis er wirklich ausgestattet werden konnte. Das hing damals damit zusammen, dass es in der vergleichbaren Größe nichts gab, was vom Rundfunk genutzt wurde. Dafür hat man den Raum erstmal jahrelang genutzt, um alles Mögliche auszuprobieren, auch an Materialien, um zu gucken, wie dadurch die Akustik verändert werden könnte."

Ideale Aufnahmebedingungen

Die Abmessungen sind gewaltig: 47 Meter lang, 12 Meter hoch und 20 Meter breit. Heute stammt nur noch die Kassettendecke aus der Bauzeit. 1956-58 wurde er neu gestaltet, nach neuesten akustischen Erkenntnissen. Die Stuhlreihen steigen jetzt schräg an bis zum Rang, an den Wände verbessern Holzkästen aus Ulmenholz die Reflektion des Schalls. Auch wenn sich kein Publikum im Saal befindet, sind die Aufnahmebedingungen durch die besondere Polsterung der Sitze nahezu ideal. Nikolaus Löwe, Toningenieur beim rbb:

"Wir profitieren hier davon, dass wir sehr klare Aufnahmen machen können. Wir können mit relativ großen Mikrofonentfernungen arbeiten, haben also einen natürlicher Klang von akustischen Ensembles. Auch im Bereich Rock-/Popmusik wird der Saal von den Musikern unheimlich geschätzt. Viele kennen das gar nicht, dass sie auf die Bühne kommen, sich gegenseitig hören, ohne dass man Lautsprecher aufstellt."

Nachhall im Kleinen Sendesaal

Wir wechseln in den Kleinen Sendesaal, der durch einen Gang abgetrennt ist, vom Lichthof aus gesehen rechterhand. Hier fand am 22. Januar 1931 der Festakt zur Einweihung des Funkhauses statt. Bis heute ist er nahezu unverändert erhalten. Was kaum einer weiß: Architekt Hans Poelzig arbeitete bei der Konzeption mit anerkannten Akustikern seiner Zeit zusammen. Toningenieur Nikolaus Löwe:

"Man wusste, man braucht eine sehr hohe Schalldämmung nach außen. Deswegen ist dieser Saal Raum-in-Raum gebaut. Der Fußboden ist auf schwingenden Elementen gelagert, die gesamten Innenwände sind aufgehängt und entkoppelt von den Außenwänden, die Fenster sind doppelt oder sogar dreifach ausgeführt, damit man keine Schallübertragung in den Saal hinein hat, damit man frei von Fremdgeräuschen ist. Was die Akustik im Saal angeht, hat man sich überlegt, einen Saal zu bauen, in dem es auch Nachhall gibt. Aber wir möchten es gern variabel haben."

Einer der besten Säle in der Region

Die Wände sind mit beweglichen rechteckigen Holzelementen verkleidet, die man wie Türen öffnen, schräg stellen oder gar ganz aufklappen kann. Auf einer Seite sind sie mit einem schallabsorbierenden Material verkleidet, auf der anderen Seite mit Sperrholz.

"Damit kann ich die Nachhallzeit in diesem Saal regeln in Grenzen von ungefähr 1,5 bis 1,8 Sekunden. Ich kann auch, wenn ich die Tafeln schräg stelle, eine Diffusität herstellen. Dadurch, dass die Wände nicht mehr eine einheitliche Fläche sind, sondern über diese Vorsprünge gegliedert sind, bekomme ich einen Klang, der besser durchmischt ist."

rbb-Toningenieur Nikolaus Löwe schwärmt: "Er gehört zu den besten drei Sälen, die wir in Berlin-Brandenburg haben."

Bis heute wird der Kleine Sendesaal für Kammerkonzerte und für Aufnahmen mit kleineren Ensembles genutzt. Musiker*innen jeglicher Couleur, von Klassik über Jazz bis Rock, schätzen ihn.

Sigrid Hoff, rbbKultur

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Haus des Rundfunks © Jens Kalaene/dpa
Jens Kalaene/dpa

90 Jahre Haus des Rundfunks - Einladung zum künstlerischen Wettbewerb

Im Januar 1931 wurde das Haus des Rundfunks in der Masurenallee in Berlin-Charlottenburg feierlich eingeweiht. Nach nur 19 Monaten Bauzeit war ein Gebäude entstanden, das eigens für die Zwecke der Rundfunkübertragungen konzipiert war, nach München das zweite seiner Art und europaweit einzigartig – der Beginn einer neuen Ära. Der 90. Geburtstag unseres Funkhauses ist Anlass für rbbKultur, regionale Künstler*innen und Kulturschaffende einzuladen, sich bis zum 31. März 2021 für ein Kunstprojekt im Haus des Rundfunks zu bewerben.