Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust #8 © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - In Swanns Welt – die Folgen 36 bis 40

Die Berliner Autorin Doris Anselm hört für uns mit und redet jede Woche drüber. Diesmal über einen seltsamen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, in den die Folgen 36 bis 40 der Lesung sie gestürzt haben.

Ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum

Die Tatsache, dass die ganze Liebesgeschichte mit Swann und Odette jawohl so zehn bis zwanzig Jahre VOR dem Romanteil spielt, den wir ZUERST gehört hatten, bringt mich immer wieder ins Schleudern. Besonders, wenn das gleiche Personal auftaucht. Da ist zum Beispiel das "Thema von Vinteuil", dieses wunderschön schmerzvolle kleine Musikstück, das in Paris rauf und runter gespielt wird. Und Vinteuil war doch der Typ, der im ersten Romanteil als etwas lächerlicher Hobbykomponist auftauchte. War der also mal tierisch erfolgreich?

Während unser trauriger Held Swann sich jetzt beim Hören fragt, woher Vinteuil bloß die nötige Seelenqual für die Komposition bekam, denk ich reflexartig: Na, weil der doch die lesbische Tochter hatte und daraufhin gesellschaftlich geächtet wurde! – Aber kann ja nicht sein, das passiert erst viel später. Oder? Ich bräuchte dringend einen Flux-Kompensator, um zurück in die Zukunft zu reisen und das zu überprüfen. Noch ein gefühlter Riss im Raum-Zeit-Kontinuum: Bei den ganzen Salons und Soirees im Buch fühl ich mich langsam, als wär ich selbst zu Gast. Denn wie auf jeder größeren Party frag ich mich panisch, welche Namen ich mir merken sollte, und ob das da drüben jetzt Madame de Gallardon war oder Mademe de Cambremer. Welche von beiden ist wichtig?

A propos "wichtig": Der größte raumzeitliche Riss überhaupt klafft für mich in der Wirkungsgeschichte dieses Romanwerks, und der Frage: Wie wichtig ist es heute noch, woran wird das gemessen, oder auch: Wer darf nachmessen?

Ja, einiges bei diesem Autor ist immer noch High-Tech-Literatur: Präzise beschreibt er gerade diejenigen menschlichen Regungen, die so flüchtig sind wie Impulse, die durch Mikrochips flitzen. Während viele Gegenwarts-Autor*innen da noch mit der Lochkartenmaschine arbeiten. Um mal bei der Computermetapher zu bleiben. Der Kulturbetrieb bekräftigt sein positives Werturteil über Proust immer wieder, ich bin ja Teil davon. Allein die prominente Ausstrahlung des Romans im Radio mitsamt Extrakolumne sagt sehr laut: "Proust ist auch heute noch gültig". Andererseits verdreht derselbe Kulturbetrieb genervt die Augen, wenn man gewisse andere Aspekte des Romans auf ihren Wert für heute abklopft. Dann ist Proust auf einmal "natürlich nur Kind seiner Zeit".

Ich möchte jedes Mal schreien, wenn er die Eifersucht seiner Romanfigur als zwar lächerliches, aber tiefgründiges Leiden darstellt, und so viele poetische Funken draus schlägt, wie er nur kann. Denn in der Realität ist männliche Eifersucht für Frauen gern mal tödlich. Auch heute. Und solche Morde werden als "Beziehungstat" oft noch verharmlost. Man wird also mal fragen dürfen, wie sich einhundert Jahre Würdigung dieses Eifersuchts-Romans auf die Perfomance von männlichem Begehren in der westlichen Kultur ausgewirkt haben könnten. Auch wenn dabei womöglich rauskommt: Ziemlich übel.

Doris Anselm, rbbKultur

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