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Die Pandemie dauert an, die Nerven liegen blank - Sündenböcke gesucht

Gestern haben Bund und Länder sich darauf geeinigt, den Lockdown bis nach Ostern zu verlängern. Die Pandemie dauert an, bei vielen liegen die Nerven blank. Im vergangenen Jahr war immer wieder zu beobachten, wie nach Sündenböcken für die steigenden Infektionszahlen gesucht wurde. Arno Orzessek fragt sich, warum das so ist.

Schriftsteller Arno Orzessek, 2008; Foto: © : imago/STAR-MEDIA
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Denken wir kurz an den ersten Lockdown im vergangenen Frühling zurück, als die Straßen für einige Tage so leergefegt waren wie nie mehr danach. Tiefe Verunsicherung lag über dem Land. Das hinderte hier und dort jüngere Menschen nicht daran, dem Song der Beastie Boys zu folgen: "Fight for Your Right (To Party)" - Kämpfe für dein Recht auf Party.

Damals wurde der Begriff "Corona-Party" populär und zumeist mit Empörung und Abscheu im Munde geführt. Die Mehrheit bezichtigte die wenigen Party People, aus hedonistischen Gründen gleichgültig zu sein gegenüber der Verbreitung des Virus und künftigen Opfern. Es war der Anfang der bis heute andauernden Sitte oder Unsitte, nach Sündenböcken zu suchen, denen sich eine besondere Verantwortung... wenn nicht Schuld... zuschreiben lässt.

Im ersten Stadium der Pandemie wurden Asiaten scheel angesehen; schließlich entstammte das Virus aus China. Später, nach dem Ausbruch im Fleischbetrieb Tönnies, kamen die Werksarbeiter aus Osteuropa hinzu; noch später generell Migranten-Kreise. Querdenker und Corona-Leugner haben aus erklärlichen Gründen sowieso ein Abo auf den Sündenbock-Status. Und wer dieser Tage einen Flug nach Mallorca bucht, darf sich seiner miesen Referenzen unter den politisch Verantwortlichen sicher sein – und mag sich zum Sündenbock abgestempelt fühlen.

Natürlich lassen sich diese Fälle nicht über einen Kamm scheren. Maskenmuffel auf Querdenker-Demos setzen sich aus völlig anderen Gründen dem Infektionsrisiko aus als Werksarbeiter in der Fleischindustrie. Und nach Mallorca muss niemand fliegen, während die siebenköpfige Flüchtlingsfamilie sehr wohl in ihrer engen Wohnung ausharren muss.

So vernünftig es ist, gefährliche Ausbreitungswege zu identifizieren und die Örtlichkeiten, die Berufs- und Personengruppen, die riskantesten Verhaltensweisen klar zu benennen, so groß ist das Risiko der pauschalen Verurteilung bis hin zur Gruppendiskriminierung.

Bemerkenswerterweise ist ein Sündenbock nach alter Tradition völlig schuldlos. Im antiken Israel wurden am Versöhnungsfest Jom Kippur individuelle Sünden im Rahmen eines Rituals auf einen ahnungslosen Ziegenbock übertragen... Den man anschließend in die Wüste jagte. Dieses Muster ist laut dem französischen Religionsphilosophen René Girard nach wie vor aktuell: In Krisenzeiten, so Girard, suchen sich zerrissene Gemeinschaften Sündenböcke, um sich zu stabilisieren.

Angewendet auf die Corona-Pandemie heißt das nicht, jede zynische Missachtung der Vorsichtsmaßnahmen zu dulden oder jeden Fehler der Regierenden zu entschuldigen. Doch wer immerzu Sündenböcke für das gewaltige Infektions-Geschehen sucht, gibt damit vor allem zu erkennen, dass er mit den Nerven am Ende ist und sein Urteilsvermögen getrübt.

Übrigens: Laut RKI herrscht das größte Ansteckungsrisiko in geschlossenen Räumen.

Wenn man das bedenkt, haben die ersten Party People damals in den Parks und unter den Brücken vielleicht wenig falsch gemacht. Denn irgendwie bricht sich das Lebendige so oder so seine Bahn. Daran ändert kein Virus etwas. Und auch kein Lockdown.

Arno Orzessek, rbbKultur

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