Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 29 bis 33

Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" gehört nicht nur zu den bedeutendsten, sondern vor allem zu den längsten Romanen der französischen Literatur. Passend zur Jahreszeit ist unsere Kolumnen-Autorin Doris Anselm ganz bezaubert von der Blütenpracht des Romans. Und diese Blüten sind längst nicht nur pflanzlicher Natur.

Junge Männerblüte

Ich stamme ja aus dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Europas, dem "Alten Land" südwestlich von Hamburg. Dort sind uns die sogenannten "Blütenspanner" schon immer ein Begriff – und ein Unfallrisiko. Touristen, die jedes Frühjahr geblendet von der zarten Pracht an Kirsch- und Apfelbäumen mitten auf der Straße stehenbleiben, gern auch im Auto per Nahezu-Vollbremsung. Wenn sie dann überhaupt je wieder anfahren, kann kein Traktor so gemächlich am Deich entlangschleichen wie sie.

Nun wird also auch unser Erzähler bei Proust zum "Blütenspanner". Die Apfelbäume in seinem Urlaubsort Balbec sind zwar frisch ausgeblüht, wie er berichtet, aber qua Lebensalter träumt er ohnehin mehr davon, siehe Roman-Teil-Titel, sich demnächst "Im Schatten junger Mädchenblüte" auszustrecken. Zum Glück verzichtet Madame de Villeparisis, in deren Kutsche er mitfährt, darauf, den Wagen mitten auf der Straße zu stoppen bei jedem Mädchen, das der Junge gern kennenlernen würde.

Hier schaltet sich der ältere, rückblickende Erzähler ein und überlegt, dass in solchen Situationen, Zitat: "die Reize der Vorübergehenden […] im direkten Verhältnis zur Schnelligkeit ihres Entschwindens stehen".

Ja, das klingt sehr nach flüchtigen Blüten. Aber wir sind hier bei Proust, und deshalb seziert er sein eigenes poetisches Bild so lange, bis er knochensplitternd auf die Frage stößt, ob solche Schönheit nicht eigentlich nur etwas ist, das, Zitat "durch unsere von unerfüllter Sehnsucht überreizte Phantasie jeweils hinzugesetzt wird."

Da ist sie wieder, die typisch Proustsche Projektion mit eingebauter Selbstzerstörung, sobald es zum echten Kontakt kommt. Was dann auch wenige Seiten später passiert. Macht aber nichts, denn sobald der Kontakt vorbei ist, lässt sich die Projektion wiederbeleben. O-Ton Proust:

"Wie oft habe ich in Paris im Mai des folgenden Jahres mir einen Apfelblütenzweig im Blumenladen gekauft und dann die ganze Nacht vor seinen Blüten gesessen […], so lange, dass ich oft noch mit ihnen beschäftigt war, wenn schon die Morgenröte sie mit dem rosigen Hauch versah, den sie im selben Augenblick in Balbec haben mochten".

Keine Ahnung, warum dieses Bild mich so anrührt, vielleicht ist es allein schon die unglaubliche Aufmerksamkeitsspanne, die er für einen Apfelzweig übrig hat. Vielleicht hab ich den Touristen im Alten Land immer Unrecht getan.

Wie dem auch sei: Das blütenhafteste Geschöpf im aktuellen Romanabschnitt ist für mich keins der (vermutlich eher robusten) Landmädchen, sondern der neu auftretende, schöne Marquis Robert de Saint-Loup mit seinen meerblauen Augen. Er flattert in den Roman, O-Ton Proust "in weiche, fast weiße Stoffe gekleidet, wie ich nie glaubte, dass ein Mann sie tragen könne, und deren leichte Beschaffenheit […] die Vorstellung von Hitze und schönem Wetter draußen weckten."

Der Marquis bleibt noch ein bisschen, machen wir es uns also gemütlich im Schatten junger Männerblüte.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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