Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 34 bis 38

In unserer wöchentlichen Proust-Kolumne geht es nicht immer um hehre Träume, Schwärmereien und philosophische Gedanken. Diesmal ist unsere Autorin Doris Anselm zugleich fasziniert und gruselt sich: Im aktuellen Proust-Abschnitt benehmen sich Menschen wie Maschinen.

Vom Mensch zur Maschine

Was wir da diese Woche von Proust hören oder lesen, ist im Jahr 1919 erschienen, und ich kann gerade nicht anders als zu denken: Nur noch knapp fünfzehn Jahre bis Hitler. Ich will nicht über die Frage reden, ob Marcel Proust prophetische Anwandlungen hatte, dazu gibt’s garantiert wieder jede Menge Literaturwissenschaft. Ich kann nur über die Frage reden, warum mir persönlich die sportlich ertüchtigte Mädchengruppe unheimlich ist, die im Roman jetzt mit Übermenschen-Habitus die Strandpromenade stürmt.

Proust schreibt: "Genauso, als wären sie in ihrem Kreis, der wie ein leuchtender Komet über die Mole dahinzog, übereingekommen, dass die umgebende Menge aus Wesen einer anderen Rasse bestünde, deren Leiden nicht einmal in ihnen ein Gefühl der Solidarität […] hätte hervorrufen können, schienen sie sie überhaupt nicht zu sehen; sie zwangen die Personen, die stehen geblieben waren, sich vor ihnen zu teilen wie vor einer Maschine, die, einmal in Gang gesetzt, nicht erwarten lässt, dass sie den Fußgängern aus dem Wege geht […]."

Klingt schlimm genug, aber dann nähert sich die Gruppe einem hilflosen alten Mann, der am Rand der Mole unter einem tiefen Dachvorsprung sitzt.

"Der Musikpavillon aber bildete über seinem Kopfe ein naturgegebenes Sprungbrett, das denn auch die Älteste aus der Jungmädchenschar auf der Stelle betrat; sie sprang über den dadurch verstörten Alten hinweg, wobei sie seine Strandmütze mit den Füßen berührte – zum großen Ergötzen der anderen Mädchen […]. 'Der arme Mummelgreis tut mir leid, er ist halbtot vor Schreck', bemerkte eines der Mädchen mit rauer Stimme und in ironischem Ton."

So geht’s weiter, und der junge, schüchterne Erzähler verguckt sich gleich mal in das erbarmungsloseste Mädchen der ganzen Gruppe. Ich seh’ da nur ’ne BDM-Scharführerin. Interessanterweise funktioniert die Szene noch genauso gut, wenn man die ganze Gruppe in junge Männer umdenkt. Typ "rücksichtslose Halbstarke". Und wer weiß, vielleicht waren sie ja mal welche. Also bevor Proust sein beobachtetes Rohmaterial fiktionalisiert hat. Ich trau ihm da alle Tricks zu. Eine Gruppe grausamer Mädchen gibt literarisch einfach das interessantere Bild ab.

Übrigens begegnet uns im aktuellen Romanteil noch eine andere Figur, bei der die körperliche Ertüchtigung unheimliche Züge angenommen hat: Palamède de Guermantes, aka: Baron de Charlus. Naja, eigentlich kennen wir ihn schon. Aus dem vorherigen Band, als Freund von Swann. Jetzt erzählt zunächst jemand anders eine Geschichte über ihn, laut derer Charlus einen jungen Mann homophob zusammengeschlagen hat. Er selbst verordnet sich stundenlange Fußmärsche, badet in eisigen Flüssen und behandelt unseren blutjungen Erzähler mit verstörendem Wechsel aus Kälte und Zuneigung.

Auf mich wirkt Charlus fast wie das Klischee einer Figur, die ihre Homosexualität bekämpft – und im Ergebnis genauso viel Menschlichkeit einbüßt wie die HJ-Fitness-Girls von der Strandpromenade.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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