Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 39 bis 43

In unserer wöchentlichen Proust-Kolumne geht es nicht immer um hehre Träume, Schwärmereien und philosophische Gedanken. Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm pickt ihre aktuellen Lieblingsstellen heraus. Heute geht’s ums Kunstmachen und Kunstverstehen.

Kunst als Missverständnis

Im Schlepptau des Erzählers besuchen wir diese Woche das Atelier des Malers Elstir. Ich muss zugeben, dass erstmal meine Kitsch-Alarmanlage losgebimmelt hat, als Elstir bei unserem Eintreten gerade damit beschäftigt war, Zitat Proust, "mit dem Pinsel in der Hand die Form der untergehenden Sonne zu vollenden“.

Also erstens: Womit denn sonst? Mit der Schreibmaschine? Mit dem Dirigentenstab? Mit dem Tutu?! Er ist halt Maler. Naja, okay, man kann auch mit dem Spachtel malen, mit Schwämmchen oder dem eigenen Körper, zumindest heute, und vermutlich malt auch jemand mit Tutu. Aber zweitens: Ein Sonnenuntergang, im Ernst?! Und das in einem Urlaubsort am Meer?

Ich hab die Kitsch-Alarmanlage dann aber wieder abgeschaltet. Proust argumentiert hier nämlich sehr schön, wie und warum ein Anblick banal wird. Der Fluch des fiktiven Malers Elstir ist, dass er die Gesetze der Perspektive zwar so herrlich zeigen kann wie kaum jemand vor ihm – dass aber leider gerade die Fotografie im Aufschwung ist, die genau das noch viel besser kann.

Proust schreibt, man müsse zugeben, Zitat: „dass in dem Maße, wie die Kunst gewisse Gesetze zur Geltung bringt und die Industrie sie auch Laien zugänglich macht, die ältere Kunst rückblickend etwas von ihrer Originalität verliert.“

Genau: Sonnenuntergänge können uns banal vorkommen, weil sie wieder und wieder reproduziert worden sind.

Moment – "reproduziert" … da war doch was? Ach ja. Wenn ich mich richtig an mein Kulturwissenschafts-Studium erinnere, ging die Sache mit dem "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" nicht gut aus für das Kunstwerk.

Naja. Schnell zurück ins Atelier, wo nicht reproduziert, sondern ganz frisch entdeckt wird. Jeder Sonnenuntergang ist ein Abenteuer, schließlich hat Elstir laut Proust das „Bestreben, die Dinge nicht so darzustellen, wie sie seinem Wissen, sondern jenen optischen Täuschungen entsprechend waren, aus denen unsere erste Schau einer Sache besteht.“

Heißt also: Kunst als produktives Missverständnis. Wobei das eigentlich kein super-individuelles Merkmal eines bestimmten Künstlers ist, sondern eher ein Stück Handwerk: Zeichne das, was du siehst und nicht das, was du weißt. Die berühmte Kunstpädagogin Betty Edwards hat mit ihren Büchern dazu seit 1979 Millionen von "Unbegabten" das gegenständliche Zeichnen beigebracht. Mir auch. Mithilfe von Negativformen, blindem Konturenzeichnen und auf den Kopf gestellten Vorlagen trickst ihre Methode den Verstand aus und verschafft genau den "optischen Täuschungen" einen Vorsprung, die am Ende verrückterweise zur "korrekten" Darstellung führen.

Das ist vielleicht noch keine Kunst. Aber wenn man diesen offenen, vorurteilsfreien Blick ausweitet auf alles, dann hilft das beim Kunstmachen definitiv.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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