Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 48 bis 52

Die schönsten Stellen der Woche pickt jetzt wieder unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm heraus. Diesmal geht es um Spiele – von den scheinbar harmlosen bis zu den richtig gefährlichen.

Gefährliche Spiele

Der Urlaub unseres Erzählers entwickelt sich langsam zu einer Art Jugendfreizeit: Am liebsten hängt er mit einer Gruppe Mädchen ’rum, samt Ausflügen und Spielen. Nach all seinem düsteren Gebrüte klingt das ganz herrlich. Ignorieren musste ich allerdings einen seitenlangen, echt schmierigen Abschnitt über das Frische-Verfallsdatum junger Mädchen. Da hätt’ ich mich nur wieder aufgeregt. Und auch ich amüsiere mich inzwischen lieber. Zum Beispiel darüber, dass im Buch jetzt ein Spielgerät auftaucht, dem Proust das baldige Verschwinden voraussagt, mit dem ich aber noch auf jeder Jugendfreizeit der 1990er Jahre terrorisiert wurde.

Der junge Erzähler trifft seine geliebte Albertine dabei an, "wie sie gerade mit einer Schnur einen merkwürdigen Gegenstand in die Höhe hob" und Proust erklärt der Nachwelt: "das Ding nannte sich 'Diabolo' und ist derart aus der Mode gekommen, dass vor dem Porträt eines jungen Mädchens mit einem solchen Gegenstand künftige Kommentatoren gelehrte Ansichten werden äußern können, nicht anders als darüber, was irgendeine der allegorischen Figuren der Arenakapelle in der Hand halten mag."

Gott, Marcel, was wünschte ich, Du hättest Recht behalten – mir wäre manche Kopfwunde erspart geblieben.

Trotzdem: sehr viel mehr "Teufel" als im Diabolo-Spiel steckt in den Spielchen zwischen dem Erzähler und den Mädchen. Bei einem Ausflug geht es darum, wer mit wem zu zweit im Wagen fahren soll, und das gipfelt in folgender Szene:

"Mein schon sehr lebhaft gewordenes Liebesgefühl für Albertine hatte zur Folge, dass ich abwechselnd Rosemonde und Andrée vorschlug, zu mir in den Wagen zu steigen, und nicht ein einziges Mal Albertine; dann aber brachte ich sie alle durch sekundäre Erwägungen über Zeit, Weg und Mäntelunterbringung dazu, es gleichsam gegen meinen Willen am praktischsten zu finden, ich nähme Albertine zu mir, in deren Gesellschaft ich mich anscheinend nur wohl oder übel schickte."

Haha, kennt jeder, solche Strategien. Unser Erzähler läuft dabei regelmäßig zur manipulativen Höchstform auf, verbockt es dann aber meist wieder, weil er einfach zu schwache Nerven hat. Allerdings: Beim Ringleinspiel auf der Waldlichtung wurde sogar mir ganz flattrig von den vielen kleinen mehrdeutigen Berührungen.

Proust schreibt: "Albertines Händedruck besaß eine sinnliche Süße, die gut zu dem rosigen […] Hautton ihrer Wangen stimmte. Der sanfte Druck schien einem den Weg ins Innere dieses Mädchens nach der Seite ihrer Sinne hin zu eröffnen, ebenso wie die Klangfülle ihres Lachens, das indezent wie Taubengurren oder gewisse Schreie war."

Hmm! Für mich ganz klar eine Vorhersage "gewisser" anderer Spiele in den nächsten Folgen. Memo an die Redaktion: Sendetermin eventuell auf 23 Uhr verschieben?

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed