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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Das Fußball-Patriarchat

Neun Frauen fordern den Deutschen Fußballbund heraus: Eine Frauenquote soll her – und gern auch eine Präsidentin. Echt jetzt?, fragt sich die Fußballwelt. 30 Prozent Frauen in einem Gebiet, das doch vor allem Männer interessiert? Heide Oestreich betrachtet die Geschichte hinter einer Forderung, die zunächst nicht sehr naheliegend erscheint.

Wer schon mal im Shitstorm stand, geht oft verändert daraus hervor. Dass man als Person einfach und sanktionslos derart entwertet werden kann, das bleibt stecken. Denn auf Twitter oder Facebook gibt es niemanden, der die Verletzenden auf den Pott setzt. Das macht etwas mit den Getroffenen.

Almut Schult weiß das. Bibiana Steinhaus weiß das. Claudia Neumann weiß das. Die eine ist Torhüterin der Nationalelf der Frauen. Die zweite war die erste Schiedsrichterin in der Bundesliga der Männer, die dritte die erste Männer-EM-Kommentatorin. Sie alle haben diese Entwertung schon erlebt. Denn sie sind da, wo sie nach Ansicht vieler Menschen nicht sein sollten: im deutschen Fußball. Am stärksten in Erinnerung blieb vielleicht der Shitstorm um Claudia Neumann, die es 2018 wagte, als Frau die Männer-WM zu kommentieren.

Weil heutzutage alles so schön in den sozialen Medien nachlesbar ist, wurde nun auch dem letzten Deppen klar, dass der Fußball ein Mega-Problem mit Frauen hat. Andersherum wurde auch den Frauen klar, dass sich das Fußball-Patriarchat niemals ändern wird, wenn sich weiterhin nur einzelne Frauen in der Fäkal-Öffentlichkeit sozial foltern lassen. Märtyrerinnen eignen sich heutzutage ja nicht mehr so als Role Models für junge Mädchen.

Jetzt haben sich die drei zusammengetan. Mit sechs weiteren Fachfrauen fordern sie eine 30-Prozent-Quote für die deutschen Fußballgremien. Es gäbe sogar eine, die sich vorstellen kann, DFB-Präsidentin zu werden: Katja Kraus, Ex-Profifußballerin, die lange im HSV-Vorstand war. Mutig – denn das sind nur neun Frauen. Auch nicht so ultraviel. Jetzt bekommen wir also die nächste Quotendebatte. Ich hör sie schon: Identitätspolitik ist das, schlimm. Qualifikation Frau, haha. Schlaue haben schon nachgezählt, dass die Frauen nur Anspruch auf 15 Prozent der Spitzenposten haben, gemessen am Anteil weiblicher DFB-Mitlieder.

Das Kriterium "Frau" ist natürlich ein Quatsch-Kriterium, da gebe ich allen Kritiker*innen sofort Recht. Allerdings haben nicht die Frauen dieses Kriterium eingeführt, sondern der DFB – 1955, als er Frauen das Fußballspielen in seinen Vereinen verbot. Mit Folgen bis heute. Identitätspolitik machen ja meistens die, die andere diskriminieren. Und wenn man diese 70 Jahre Quatsch-Politik des DFB so anguckt, dann käme er mit einer 30-Prozent-Quote eigentlich noch ganz gut weg.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.