Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Im Schatten junger Mädchenblüte – die Folgen 53 bis 55

In dieser Woche beginnt schon der dritte Band von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". In "Die Welt der Guermantes" (Folge 1) schildert Proust die Gesellschaft der Aristokraten, Intellektuellen und Künstler und unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm fragt sich, ob auch sie eigentlich gern ein paar Dienstboten hätte.

Mit Proust nach Bangladesch

Auch heute früh habe ich es wieder geschafft, mich anzuziehen. Sämtliche Kleidungsstücke habe ich eigenhändig herausgesucht und sie, zumindest soweit ich beurteilen kann, auch erfolgreich angelegt. Ich fühle mich dadurch in meiner gesellschaftlichen Stellung keineswegs herabgestuft, im Gegenteil, es würde mich meist total nerven, jeden Morgen erst auf die Dienstboten warten zu müssen, damit sie mir ein Outfit ’rauslegen.

Die Genervtheit teilt unser Erzähler bei Proust mit mir – und trotzdem käme in seinen Kreisen niemand auf die Idee, sich alleine anzukleiden. Immer, wenn dieses Thema aufblitzt, scheint es mir, als ob die ganze gutbürgerliche Gesellschaft im Buch aus achtjährigen Grundschulkindern besteht. Und das Witzige ist: Die Dienstboten reagieren auch gern mal wie genervte Eltern.

Die Familie des Erzählers ist gerade umgezogen, und wir betreten die neue Wohnung (im Stadtpalais der Guermantes) sozusagen durch die Küche: Die alte Köchin Francoise und weiteres Personal sind der Fokus des ersten Abschnitts im neuen Romanteil. Eigentlich haben es diese Dienstboten sogar ein bisschen besser als heutzutage junge Eltern: Immerhin steht ihnen nach altem Recht eine lange Mittagspause zu, wie Marcel Proust hier ausführlich berichtet:

"Während dieser heiligen Handlung waren sie derart ‚tabu‘, dass sogar mein Vater sich nicht erlaubt haben würde zu schellen, zumal er wusste, dass auch beim fünften Mal ebensowenig wie beim ersten sich irgend etwas rühren würde, so dass er diese Ungehörigkeit noch dazu ganz vergeblich begangen hätte, nicht jedoch ohne Nachteil für sich selbst. Denn Francoise […] hätte nicht verfehlt, ihm den ganzen Tag ein Antlitz zu zeigen, auf dem […] die lange Geschichte ihrer Leiden und die tiefen Gründe ihrer Unzufriedenheit aufgezeichnet standen. Sie sprach sich auch darüber aus, aber nur gleichsam in die Kulisse hinein, so dass wir kein Wort verstanden."

Donnerwetter. Überhaupt hab ich beim Lesen schon länger das Gefühl, dass es keineswegs automatisch zu Unterwürfigkeit führt, wenn Dienstboten im Haushalt ihrer Herrschaft leben und damit prinzipiell 24/7 verfügbar wären.

Vielleicht ist gar das Gegenteil der Fall. Und in Wahrheit haben wir heute ja sehr wohl auch Personal. Aber dem müssen wir meistens nicht ins Gesicht gucken. Um die eigene Köchin schlecht zu behandeln, braucht man schon selbst ein dickes Fell. Aber um eine Näherin in Bangladesch auszubeuten, reicht es, ganz frisch und fröhlich ein billiges T-Shirt zu kaufen. Und mit dem Pizzaboten oder dem Mann vom Paketdienst will man auch nicht zusammenwohnen, da würde man ja viel zu viel mitkriegen von den Arbeitsbedingungen, die man als Kundin selbst verursacht hat.

Sozialkritik mit Marcel Proust? Ja, doch, das geht.

Doris Anselm, rbbKultur

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Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
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