Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
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Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes - die Folgen 2 bis 6

329 Folgen hat unsere Lesung von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - dem längsten und bedeutendsten Roman der französischen Literatur. Die interessantesten Gedanken aus diesem Werk können Sie übrigens auch kennenlernen, wenn Sie NICHT jede Folge hören. Einmal pro Woche fischt die Berliner Autorin Doris Anselm sie für uns heraus. Heute geht’s um das Gift der Erwartung.

Anspruchsvoll enttäuscht

Meistens hält sich Marcel Proust als Autor brav an das Bild, das ich immer von ihm hatte. Zum Beispiel eilt ihm ja nicht grad ein Ruf als straffer Storyteller voraus (oder hinterher). Sondern als ein Autor, der tieftaucht, abschweift, ausschmückt, der eine Figur auch mal für zweihundert Seiten in die Schublade packt, aber wenn er sie wieder rausholt, soll ich noch wissen, wie hässlich ihr Hut war. "Hashtag: #TypischProust" könnte man sagen.

Deshalb hat es lange gedauert, bis ich sehen konnte, dass Proust in einer Sache komplett auf Linie liegt mit den knackigsten Drehbuch-Workshop-Rezepten von heute. Und zwar beim dramaturgischen Prinzip: Hohe Erwartung – große Enttäuschung.

Die sagenumwobene Kirche steht gar nicht auf Meeresklippen, sondern neben einer Kreditbank. Das Mädchen, in dessen Arme man sich eindeutig eingeladen glaubte, schreit um Hilfe, als man sich auf sie stürzt. Der weise Lieblingsautor ist kein zarter edler Greis, sondern ein dicker Mann mit Stupsnase. Und die große Schauspielerin hat den Erzähler damals beim ersten, fiebrigen Besuch in ihrem Theatertempel enttäuschend kalt gelassen. Jetzt geht er durch Zufall nochmal hin, logischerweise ganz leidenschaftslos.

Da kam mir schon der Verdacht, dass er die Diva diesmal bestimmt überraschend grandios finden würde. Schließlich kann man das Enttäuschungsspiel dramaturgisch auch andersrum aufziehen. Ich lag richtig – aber Marcel Proust hat dieses Muster viel komplexer gedacht, als es heute oft erzählerisch benutzt wird. Er sieht die erste Enttäuschung im Grunde nur als Wegmarke und als Methode, um Erwartungen abzureißen, die zuvor den Blick verstellt haben. Und das bezieht er nicht nur auf Kunsterlebnisse, sondern auch auf die Liebe.

Ich verstehe ihn da so: Die eigene abstrakte Idee davon, was Liebe sein und bieten solle, kann vom anderen Menschen nie erfüllt werden. Weil er eben ein Mensch ist und keine Idee. Weil er auf total eigene Art liebt. Wer weiß, was der Erzähler für einen schönen, innigen Abend im Zimmer seiner Albertine hätte haben können, wenn er ihre Einladung nicht schon vorab gedanklich zum Angebot ganz bestimmter "Leistungen" gestempelt hätte. Proust führt all das auf einen Satz zurück, den wohl auch ein Zenmeister als menschliches Grundproblem ausmachen würde - Zitat: "Wir erleben in der einen Welt, wir denken und benennen in einer anderen."

So. Und weil das jetzt alles so tiefsinnig war, schnell noch was Lustiges aus dem Theater. Da lästert Proust wie ein gehässiger Modemacher über Outfit und Hut einer Besucherin: "Madame de Cambremer [wirkte] mit ihrem leichenpferd-artig vertikal auf dem Kopf aufgepflanzten Federbusch […] wie eine auf Draht gezogene, steife, langweilige, eckige Provinzpensionärin".

Bämm, das hat gesessen. Das behalt ich für mindestens zweihundert Seiten.

Doris Anselm, rbbKultur

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