Karin Graf © pa/ Doris Spiekermann-Klaas TSP
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Literaturfestival | 1.- 6. Juni 2021 - LIT:Potsdam - sechs Tage Literatur auf Freilichtbühnen

Seit Dienstag läuft die 9. Ausgabe des Literaturfestivals LIT:potsdam, die ganz auf Literatur an schönen Orten in der Stadt setzt. Zumindest open Air und unter besonderen Auflagen ist das auch wieder möglich. Am Samstag hält Daniel Kehlmann eine Zukunftsrede. Die Literaturagentin und Festivalleiterin Karin Graf erzählt, warum das Motto der diesjährigen LIT:potsdam "Ausnahmezeit - Verstand und Gefühl" lautet.

rbbKultur: Frau Graf, ich habe Ihren Mut bewundert. In Zeiten, als noch nicht abzusehen war, ob es überhaupt möglich ist, ein Festival mit Publikum zu planen, haben Sie es getan. Der Mut hat sich anscheinend gelohnt, oder?

Graf: Wir haben das gar nicht so mutig gefunden. Wir, der Verein lit:pots, der das Festival trägt, und die Leute in der Stadtverwaltung und der Landesregierung hatten ja alle Lust darauf und wollten es probieren. Wir sind in der Literatur auch nicht so empfindlich wie die Leute vom Theater oder in einem Orchester. Der Abstand auf der Bühne kann gewahrt bleiben, die Sicherheitsvorschriften sind übersichtlich - und absagen kann man immer noch. Wir haben es einfach probiert. Wir haben geplant, die schönen Orte gesucht und geguckt, ob wir dort auch die entsprechenden Regeln einhalten können. Und siehe da: es hat sich alles gefügt. Sogar das Wetter spielt mit.

rbbKultur: "Ausnahmezeit - Verstand und Gefühl" ist das Motto der diesjährigen LIT:potsdam. Aber leben wir nicht eigentlich immer in einer Ausnahmezeit? Oder ist das wirklich ein Pandemie-Motto?

Graf: Ja, es ist ein Pandemie-Motto. Wir haben sonst natürlich auch immer gesellschaftspolitische Themen gehabt – das ist ja das Schöne an der LIT:potsdam - dass wir nicht immer nur den neuesten Trends folgen müssen, sondern uns auf das konzentrieren können, was wir als wesentlich empfinden. Aber diesmal - mit zwei Lockdowns in einem Jahr hintereinander – da hat einfach jeder und jede gespürt, dass es eine Ausnahmezeit ist. Wir dachten, womit kann man der besser begegnen als eben mit Verstand und Gefühl? Das hat uns Jane Austen schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts in ihrem großen Roman vorgeschrieben. Ich finde, das ist auch etwas, was richtige Literatur auszeichnet: Sie ist mit Verstand und Gefühl geschrieben und sie weckt die Sinne und spricht die Sinnlichkeit an. Und Vernunft und Verstand schwingen auch mit.

rbbKultur: Heute wird die LIT:potsdam im Garten der Villa Quandt mit einem Gespräch über Identitätspolitik - eine der heißen Debatten dieser Zeit – eröffnet. Eingeladen sind die Autorinnen Mithu Sanyal und Sharon Dodua Otoo. Inwieweit passt denn das Wort Ausnahmezeit auf diese beiden Schriftstellerinnen?

Graf: Auf diese beiden passte es, weil sie ihre Heldinnen in Ausnahmezeiten schicken. Sharon Dodua Otoo hat ihre Heldin Ada aus ihrem Roman "Adas Raum" in großen Krisenzeiten geschildert, und zwar durch die Jahrhunderte: Vom Mittelalter in Westafrika, der Kolonisierung und dem Beginn der Sklaverei an über die große Hungersnot in Irland und das Entstehen des Wissenschaftszeitalters in England, über den Holocaust bis zur Ausnahmesituation einer schwangeren schwarzen Frau im heutigen Berlin, die eine Wohnung für sich sucht.

Mithu Sanyal berichtet (in ihrem Roman "Identitti") von einer Professorin und ihren Studentinnen. Die Professorin gerät durch ein Täuschungsmanöver ins Aus und ein Shitstorm entlädt sich über ihr. Wie gehen ihre Studentinnen damit um? Wie kann dieser Konflikt gelöst werden? Also auch hier: Ausnahmezeiten.

Außerdem möchte ich auf den Kindertag hinweisen, mit dem wir heute um 13:30 Uhr eigentlich beginnen. Es gibt ein wunderbares Programm mit Rüdiger Bertram, Simak Büchel, Alice Pantermüller und Jens Rassmus. Sie sind alle dort im Treffpunkt Freizeit. Heute Abend ist dann die offizielle Eröffnung. Die Beigeordnete für Kultur, Noosha Aubel, wird reden.

rbbKultur: Es gibt also wieder ein großes Programm, trotz aller Beschränkungen. Literarische Veranstaltungen zu Themen wie der Klimakrise, sozialer Gerechtigkeit oder zur Veränderung unserer Lebensstandards. Mich interessiert ganz besonders der Festival-Samstag im Innenhof des Museums Barberini. Da berichtet Daniel Kehlmann von einer Kurzgeschichte, die er zusammen mit einem Roboter, also mit künstlicher Intelligenz, geschrieben hat. Das klingt definitiv nach Ausnahmezeit. Was hat es damit auf sich?

Graf: Das ist unser Blick in die Zukunft, den uns Daniel Kehlmann bietet. Er nimmt einen starken Bezug zu der Konferenz, mit der wir gestern erstmals den Auftakt zum Festival geschlagen haben. Eine Konferenz zum Schreiben und Publizieren im digitalen Zeitalter. Auch da gab es einen wissenschaftlichen Vortrag über künstliche Intelligenz. Es wurde sich mit Fragen auseinandergesetzt, wie sich die Presse heutzutage verändert, wie sich die Bedingungen des Schreibens verändern und wie publiziert wird. Den krönenden Abschluss bildet dann am Samstag Daniel Kehlmanns wirklich sogenannte Zukunftsrede.

rbbKultur: Wir müssen noch über die Möglichkeiten sprechen, dabei sein zu können. Bis jetzt ist es so, dass maximal hundert Besucherinnen und Besucher pro Veranstaltung open Air zugelassen sind. Bei vielen Veranstaltungen waren die Karten auch schnell ausverkauft. Heute wird über weitere Öffnungsschritte beraten. Was könnte das für die LIT:potsdam bedeuten – vielleicht ein bisschen Spiel nach oben?

Graf: Ich will schnell eine Anekdote erzählen. Die Veranstaltung von Ingrid Noll, die lange Jahre nicht mehr gereist ist und im Alter von 85 Jahren zu uns nach Potsdam kommt, war innerhalb von fünf Minuten ausverkauft. Frau Noll hat sich netterweise bereit erklärt, einen Tag früher zu kommen und gleich zweimal zu lesen.

Das können natürlich nicht alle machen und wir können das auch nicht stemmen. So hoffen wir sehr, dass das Kabinett der Landesregierung Brandenburg heute Lockerungen beschließt und für Freiluftveranstaltungen im Kulturbereich mehr als 100 Leute zulässt. Wir hoffen auf 400 und träumen von 500 Besucher*innen. Die Information stellen wir heute Nachmittag oder morgen ins Netz und es können noch für alle Veranstaltungen Karten zugekauft werden. Die Räumlichkeiten, alles Höfe und Gärten, geben das her.

Das Gespräch führte Ev Schmidt, rbbKultur. Es handelt sich um eine gekürzte und redigierte Fassung. Das ganze Gespräch können Sie als Audio nachhören.

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