Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes - die Folgen 7 bis 11

Mit der Lesung von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hat rbbKultur in diesem Jahr ein echtes Mammutprojekt gestartet. In insgesamt 329 Folgen begeben wir uns gemeinsam mit unseren Hörer*innen auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Die Berliner Schriftstellerin Doris Anselm liest mit und erzählt hier jede Woche davon, wie sich das anfühlt, Proust von heute aus zu lesen: Schön, fremd und manchmal auch ziemlich bestürzend.

Man hüte sich vor Mord

Kennen Sie diesen Spruch? "Man hüte sich vor Mord! Er verführt zum Diebstahl, und dann ist es bis zur Lüge nur noch ein ganz kleiner Schritt."

Auch in unserem aktuellen Stück Proust bringt der Erzähler den Schweregrad bestimmter Taten massiv durcheinander. Erst sinniert er mit großem Ernst über das Lügen. Dabei geht er rückblickend hart ins Gericht mit seinem jungen Erzähler, der sich selbst niemals als Lügner bezeichnet hätte. Proust schreibt:

"Lüge und Betrug wurden bei mir, wie bei so vielen Menschen, nur immer auf eine so spontane und beiläufige Weise durch eine ganz bestimmte Sache zu deren Schutz in Tätigkeit gesetzt, dass mein auf eine Idealvorstellung ausgerichteter Geist meinen Charakter ruhig im Dunkel diese […] Bedürfnisse verrichten ließ und mit keinem Blick von ihnen Kenntnis nahm."

Klar, kenn ich auch, so hält sich auch mein Selbstbild manchmal intakt, ohne dass ich’s auch nur mitkriege. Hier glänzt Marcel Proust mal wieder mit Einsicht und Aufrichtigkeit. Dabei tun die meisten Lügen ja niemandem weh. Ganz anders eine Tat, die der Autor wenig später wie eine Kleinigkeit schildert – jegliche Analyse hält er hier offenbar für unwichtig. Der Erzähler geht durch die abendliche Stadt.

"Ich setzte meinen Weg weiter fort, und in dem düsteren Gässchen hinter der Kathedrale packte mich […] mit aller Macht ein Verlangen nach Liebe; ich meinte, eine Frau müsse aus dem Dunkel auftauchen und dies Verlangen stillen; wenn ich im Finstern dann plötzlich ein Kleid vorüberstreifen fühlte, hielt mich die Heftigkeit der Lust, die ich dabei verspürte, davon ab zu glauben, diese Berührung sei nur zufällig erfolgt, und ich versuchte, eine erschreckte Passantin in die Arme zu schließen.“

Dann geht er weiter und denkt an was anderes.

Wow, Stopp, Moment mal. Proust lässt seinen Protagonisten eine fremde Frau auf der Straße anfallen – und das beeinträchtigt dessen Selbstbild als Edelmann in keinster Weise? Krass. Ich würd ja gerne glauben, dass diese Stelle eine geniale Illustration ist für das, was Proust vorher anhand des Lügens erklärt hat – aber irgendwie glaub ich mehr an einen blinden Fleck. Das Frauenbild von damals wird geholfen haben.

Na gut, Marcel, dann übernehm jetzt mal ich. Im Zitat von ganz oben muss man nämlich nur eine Winzigkeit ändern, schon erzählt es davon, warum sich auch heute Gelegenheits-Grapscher, Drängler und sogar Vergewaltiger nie selbst für solche halten. Achtung:

"Die sexuelle Gewalt, die ich ausübte, wurde wie bei so vielen Männern nur immer auf eine so spontane und beiläufige Weise durch eine ganz bestimmte Sache zu deren Schutz in Tätigkeit gesetzt, dass mein auf eine Idealvorstellung ausgerichteter Geist meinen Charakter ruhig im Dunkel diese […] Bedürfnisse verrichten ließ und mit keinem Blick von ihnen Kenntnis nahm.“

Jawoll. Und jetzt darf Marcel Proust weiter darüber reden, welche "bestimmte Sache" hier "geschützt" wird. Denn mit fragiler Männlichkeit kennt er sich aus.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed