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Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - So klingt ein hohles Statussymbol

Jetzt ist es amtlich: Die FU hat Franziska Giffey, Spitzenkandidatin der SPD für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, den Doktortitel offiziell aberkannt. Dass jemand quasi am Tag danach munter in den Wahlkampf für das nächste Spitzenamt zieht, halten viele nur in Berlin für möglich. Heide Oestreich guckt mal durch die Feminismus-Brille darauf.

Franziska Giffey taugt gerade schlecht für eine feministische Kolumne, sollte man meinen. Ordentlich plagiiert - Doktortitel wech. Und das hindert sie keinesfalls daran, strahlend in den Wahlkampf für das Berliner Abgeordnetenhaus zu ziehen. Welche feministische These soll man da schwingen? Endlich können Frauen genauso betrügen wie Männer und trotzdem noch Karriere machen? Nee, dafür wurde der Feminismus ja wohl nicht erfunden.

Aber dann taugt sie irgendwie doch für so ein feministisches Nachdenken. Denn sie offenbart, wie hohl und überkommen der Doktortitel als vermeintlicher Karrierebooster ist: Offenkundig hat sich die Meinung, dass keinerlei Korrelation zwischen politischem Talent und Doktorgrad besteht, so weit durchgesetzt, dass nun auch schon Frauen meinen, sie könnten nach dem Verlust des Titels gleich in den nächsten Wahlkampf aufbrechen. Obwohl sie doch sonst schon über jeden glattgekämmten Lebenslauf stolpern, wie das Beispiel Annalena Baerbock zeigt.

Der Doktor ist ein Statussymbol von alters her. Und in seinen Anfängen natürlich ein rein männliches Statussymbol. Frauen durften ja bis vor 100 Jahren gar nicht studieren, genauso übrigens, wie sie keine Politik machen durften. Der Doktor war und ist nötig, um sich in einer männlichen Statuspyramide einen guten Platz zu organisieren. Irgendwann war man mal davon ausgegangen, dass, wer ein Wissensgebiet beherrscht, auch sonst für Führungsaufgaben geeignet ist. Nun wissen ja alle, die sich mal in der Wissenschaft versucht haben, dass gerade eine Doktorarbeit mit Beherrschen und Führen nicht so viel zu tun hat, eher mit Überleben und irgendwie doch noch ankommen. Und natürlich qualifiziert dieser Titel jemanden wissenschaftlich. Aber eben nur wissenschaftlich. Man ist damit nicht zum Universaltalent geadelt.

Frauen waren die Newcomerinnen, in Wissenschaft und in der Politik: Deshalb stehen sie immer noch unter verschärftem Beweisdruck, wenn es um Führungsaufgaben geht. Und deshalb machen sie dieses ganze Statusgedöns natürlich mit. In Wahrheit bräuchten es beide nicht, Männer nicht und Frauen nicht. Und deshalb ist die feministische Nachricht nicht, dass Frauen mit derselben Selbstsicherheit ihre Plagiate beiseite wischen wie manche Männer. Sondern dass man diesen komischen patriarchalen Zopf, den Doktortitel für die Visitenkarte, langsam mal abschneiden könnte.

Heide Oestreich, rbbKultur

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Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.