Doris Anselm: Lust und Frust mit Proust © autorenfotos.com/Heike Bogenberger
rbbKultur
Bild: autorenfotos.com/Heike Bogenberger

Lust und Frust mit Proust - Die Welt der Guermantes - die Folgen 12 bis 16

Seit Anfang des Jahres senden wir in unserer Lesung täglich von Montag bis Freitag eine Folge von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" - inzwischen sind wir schon mitten im dritten Band angelangt. Unsere Proust-Kolumnistin Doris Anselm staunt diese Woche darüber, was der alte Franzose über neue Medien zu sagen hat.

Die Qual des Gebimmels

Während die Kutsche ohne Pferde (also das Automobil) für Proust schon so alltäglich war, dass er im Roman bisher kaum drüber geredet hat, ist ihm das etwas neuere Telefon komplett unheimlich. Die erste und verstörende Telefonerfahrung seines Erzählers soll auf ein wahres Erlebnis des Autors zurückgehen. Über eine frisch eingerichtete Leitung spricht der junge Mann auf Reisen mit seiner Großmutter daheim:

"Und nach ein paar Augenblicken hörte ich mit einem Mal die Stimme, die ich zu Unrecht so wohl zu kennen meinte, denn bis dahin hatte ich jedes Mal, wenn meine Großmutter mit mir sprach, das, was sie sagte, in der aufgeschlagenen Partitur ihrer Züge verfolgt, unter denen die Augen so viel Gewicht besaßen; ihrer bloßen Stimme aber lauschte ich jetzt zum ersten Mal."

Dass er dann live am Hörer fast einen Nervenzusammenbruch kriegt, weil er die körperlose Stimme so geisterhaft jenseitig findet, ist eigentlich kein Wunder, denk ich jetzt. Wahrscheinlich wäre es für Proust weniger verstörend gewesen, plötzlich per E-Mail zu kommunizieren als per Telefon. Einen Apparat, in den man Texte eintippt, die auf einem Bildschirm erscheinen und dann irgendwie verschickt werden, hätte er schlicht als Kreuzung aus Laterna Magica, Schreibmaschine und Eilpost empfunden.

Brief bleibt Brief, und der war immer schon getrennt vom Verfasser. Aber das Telefon, und darüber hab ich vor Proust noch nie nachgedacht, schneidet ja wirklich mitten durch die sinnliche Anwesenheit eines Menschen, serviert uns einen Teil von ihm noch körperwarm und lässt die anderen Teile für uns sterben. Aber offenbar gewöhnt man sich daran. Heute erklären Psychologen mit ähnlichen Argumenten der Sinnes-Abtötung, warum wir nach Videokonferenzen oft erschöpfter sind als nach persönlichen.

Witzigerweise hat Proust über ein mögliches "Bildtelefon" ja auch schon nachgedacht, im vorigen Band des Romans. Aber obwohl die Fotografie als Technik zu seiner Zeit gerade so richtig zündete, brachte er sie nicht mit dem Telefonieren zusammen. Seine Idee, viel poetischer eigentlich: Das Gesicht könnte quasi aus der Stimme errechnet werden. Und noch früher im Roman (langsam freu ich mich wirklich an meinen digital durchsuchbaren Notizen) spielt Proust anhand des Telefons sogar schon mit einer Vorahnung, die für uns heute qualvolle Realität ist. Da beschreibt eine Salondame ihr Zögern bezüglich neuer Medien so:

"Es verlockt mich sehr. Aber doch mehr bei einer Freundin als bei mir zuhause. Da hätte ich nicht gern ein Telefon. Wenn das erste Vergnügen vorüber ist, wird das Gebimmel wahrscheinlich bald zur Qual.“

Hier habe ich Marcel Proust nichts hinzuzufügen.

Doris Anselm, rbbKultur

Kolumne

RSS-Feed

Proust lesen

Marcel Proust © picture alliance / Heritage-Images
picture alliance / Heritage-Images

Lesekreis - Lesen und hören Sie mit uns!

Wir haben uns vorgenommen, mit Ihnen zusammen Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" zu lesen, denn besonders große Vorhaben bewältigt man am besten gemeinsam. Schreiben Sie uns!

Proust hören

RSS-Feed