Der feine Unterschied | Heide Oestreich E16 © rbb/Gundula Krause
rbbKultur
Bild: rbb/Gundula Krause Download (mp3, 2 MB)

Der feine Unterschied - Die feministische Kolumne von Heide Oestreich - Normale Figuren

Es ist heiß. Und während die Jungs sich in Shorts und T-Shirt und dem ersten Bier auf Fußball freuen, stehen Frauen – vor dem Spiegel. Das Sommerkleid vom letzten Jahr geht gar nicht mehr. Und kurze Hosen sowieso nicht. Das ganze Dilemma fand nun auf Twitter seinen Ausdruck. Heide Oestreich über #DasIstMeineNormaleFigur.

Es ist heiß. Männer sitzen in Biergärten und gucken Fußball. Frauen stehen vor dem Spiegel und twittern. Den Eindruck konnte man gestern gewinnen, wenn man einen Blick ins Netzgezwitscher geworfen hat. Oh, nee, Frauen, die sich zu dick finden, bitte nicht, dachte ich noch. Und dann bekam ich Selbstkritik: Hä, wie hochnäsig. Ich find mich doch auch zu dick oder zu dies oder zu das. Ich bin allerdings sehr geübt darin, nach diesem Gedanken sofort meine innere Feministin in Stellung zu bringen. Die hebt meist nur eine Augenbraue, das "Na und?" muss sie gar nicht mehr aussprechen.

Tatsache bleibt aber, dass ich die gängige Norm, wie eine Frau auszusehen hat, natürlich komplett verinnerlicht habe. Jetzt mal ne heiße These dazu: Im neoliberal überformten Patriarchat gibt es nur zwei Sorten Frauen: Die, die sich unzulänglich fühlen – und die, die sich unzulänglich fühlen und es niemals zugeben würden. Dass eine Frau sich unzulänglich fühlt, wenn der übliche Blick auf sie ein kritischer ist und kein bewundernder, ist nämlich eine völlig normale Reaktion. Und da man heutzutage aber kein Opfer sein darf, das sich unzulänglich fühlt, geben es die meisten einfach nicht zu.

Die auf Twitter haben dieses verquere Bild nun einfach mal zur Debatte gestellt. Bei den meisten Selfies dort kann man nur raten, wo die Problemzone nun eigentlich liegen soll. Viele haben die deutschen Durchschnittskleidernummern 40 oder 42, würde ich schätzen. Aber ihre Fitnesstracker sagt ihnen, sie seien an der Grenze zur Adipositas. Und natürlich kommentieren auch einige Superschlaue dazu, dass man doch mal trainieren gehen solle, dann würde man sich gleich viel besser fühlen.

Das stimmt übrigens höchstens halb, hab ich ausprobiert. Weil schön und fit sein ein wanderndes Ziel ist: Es geht immer noch besser. Und es macht irre viel Arbeit. Dann bekam ich Knie und es ging sowieso nicht mehr. Deshalb empfehle ich seitdem den umgekehrten Weg. Mal richtig dick werden, merken, dass einen die Lieben dann immer noch lieb haben und die Freundinnen sich nicht mit Grausen abwenden. Sehr therapeutisch.

Trotz dieser super Therapie hat meine innere Feministin aber immer noch ziemlich zu tun. Weil: jetzt werd ich auch noch alt! Und das geht ja gar nicht!

Heide Oestreich, rbbKultur

Podcast abonnieren

Der Morgen; © rbbKultur
rbbKultur

Der feine Unterschied – Die feministische Kolumne von Heide Oestreich

Wir werden immer gleicher – in unserem Anspruch, gesehen und gehört zu werden. Zugleich streiten wir hochdramatisch über unsere Unterschiede. Zum Beispiel über diese winzig kleine Differenz zwischen "Frauen" und "Männern". Über Herkünfte und Hautfarben, die Art, wie wir lieben oder unser Geschlecht definieren. Immer geht es ums Ganze: um unsere mühsam gebastelten Selbstbilder. Wehe, jemand kratzt daran! Heide Oestreich beguckt sich in unserer feministischen Kolumne den feinen Unterschied, den wir alle machen – jeden Freitag auf rbbKultur und überall, wo es Podcasts gibt.